Themenübersicht

Niederländische Malerei

In den hier vorgestellten Räumen wird eine Auswahl von knapp 70 Gemälden aus dem reichen Bestand der holländischen und flämischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts im MdbK Leipzig präsentiert. Die thematische Gliederung eröffnet Einblicke in den Zusammenhang von Kunst und Geschichte. Die Malerei von Rubens, Rembrandt, Frans Hals oder Pieter de Hooch spiegelt nicht nur das jeweilige künstlerische Temperament wider, sondern kann als eine Reaktion auf die Mentalität des Publikums und die Bedingungen des Kunstmarkts ihrer Zeit verstanden werden. Die Malerei der Epoche wurde von politischen Aspekten wie Patriotismus und Freiheitsstreben gegenüber feindlichen Mächten geprägt. Auf vielfältige Weise zeigen die Bilder, wie das Phänomen der Zeitlichkeit menschlicher Existenz erfahren wurde. Schließlich führen sie vor Augen, wie die Künstler*innen in theatralischen Bildern über Illusion und Wirklichkeit reflektieren.
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Marine- und Landschaftsmalerei

Seit der Emanzipation vom habsburgischen Spanien 1581 vollzog sich in den Niederlanden eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung, sodass das kleine Land zur neuen Großmacht in Europa avancierte. Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen war durch prosperierende Städte und Handelszentren wie Amsterdam, Rotterdam, Haarlem, Leiden und Delft geprägt. Holländische Flotten befuhren die Weltmeere. Der holländische Kolonialismus des 17. Jahrhunderts war ein Vorbote der Globalisierung. So wurde 1602 die Ostindienkompanie (VOC) gegründet, die die Handelsrouten nach Fernost und Afrika kontrollierte und dort Kolonien gründete. Die Niederländischen Handelskompagnien betrieben auch den menschenverachtenden, aber lukrativen Handel mit Sklaven. In wiederkehrenden Seekriegen verteidigten die Niederländer ihre Handelsrouten gegen die Konkurrenten auf den Weltmeeren.
Parallel zur wirtschaftlichen Expansion entwickelte sich die Marinemalerei, die sich auf die Darstellung von Schiffen auf See konzentrierte. Immer wieder sieht man die holländische Fahne auf hochgerüsteten Kriegsschiffen im Wind wehen, womit die Künstler auf den Nationalstolz und Patriotismus der Zeit anspielen. Die Maler entdeckten aber zugleich das Meer als eine bildwürdige Landschaft mit atmosphärischen Wettererscheinungen. Die Gewalt der Naturkräfte war auch ein Sinnbild für die Allmacht Gottes, dem der Mensch unterworfen ist.

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Zwischen Schein und Sein

Der Realismus vieler Bilder der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts ist frappierend und ruft noch Jahrhunderte später Bewunderung hervor. Die Maler waren scharfe Beobachter der Wirklichkeit, gaben Pflanzen und Tiere exakt wieder, schufen eindringliche Porträts und überzeugende Schilderungen von Innenräumen mit atmosphärischen Lichtreflexen. Es handelt sich jedoch um einen höchst selektiven Realismus, der mit Detailschärfe und Farbenpracht die Illusion einer Wirklichkeit wecken wollte. Die zeitgenössischen Betrachter empfanden Lust an der Täuschung.
Auf den Theaterbühnen Amsterdams wimmelte es von Komödianten, die vorgaben etwas Anderes zu sein als sie waren. Die holländische Gesellschaft war sich des Gegensatzes von Anschein und Realität bewusst. Für den erfolgreichen Kaufmann galt es, zwischen verführerischer Illusion und nüchterner Analyse zu unterscheiden. Künstler wie Dirck Hals, oder Adriaen van Ostade schildern unsittliches Verhalten, ungewollte Schwangerschaft und Naivität gegenüber betrügerischen Ärzten. Die runzelige Frau von Bartholomeus van der Helst trägt ein enganliegendes Samtkleid, das jüngeren Frauen vorbehalten war. Sie lebt in der Illusion, noch jung zu sein. Rembrandt ging so weit, dass er seine Schüler und Werkstattmitarbeiter Porträts von ihm selbst malen ließ, die wie ein Selbstbildnis Rembrandts wirkten. Erworben wurde das Rembrandt-Bild in diesem Raum daher von einem Leipziger Sammler des 18. Jahrhunderts als Selbstbildnis des Künstlers.

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Die Zeit als Thema

Eines der herausragenden Themen in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts ist die Zeit in ihren vielfältigen Erscheinungen. In einer Gesellschaft, in der Kaufleute den Ton angeben, ist die Zeit ein bemessenes Gut, mit dem man haushalten muss. Die modernen Uhren konnten als Taschenuhren schon Sekunden zählen. Während der Gottesdienste erinnerten die Prediger an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens.
Durch den ökonomischen Wohlstand des Lebens war Holland die erste Konsumgesellschaft Europas, wo es von heimischen Agrarprodukten bis zu exotischen Importen schier alles zu kaufen gab. Der Besitz von Luxusprodukten war ein Statussymbol. Der Reichtum barg jedoch die Gefahr der Verschwendung von Zeit, Geld und Gesundheit durch sinnliche Genüsse und ausschweifenden Lebenswandel. Zudem konnten gefährliche Krankheiten oder Epidemien dem Leben ein plötzliches Ende setzen.
Die Maler stellten den Verlauf der Zeit in vielfältigen Bildern mit zum Teil akribischer Genauigkeit dar, die in diesem Raum zu sehen sind: Der übertriebene Geiz eines Mannes, der die einzelnen Graupen in den Topf zählt und damit seine Zeit verschwendet, ein Schädel auf alten Büchern, ein Kleinkind, das seine ersten Schritte macht oder die Tages- und Jahreszeiten im Wandel des Lichtes – das sind Beispiele für die Wiederkehr und den Wandel der Zeit. Prachtvolle Blumen-, Jagd- und Mahlzeitenstillleben feiern die Schönheit und Sinnlichkeit des augenblicklichen Genusses, erinnern aber zugleich an dessen Vergänglichkeit.

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Malerei und Theater

Die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts stand in enger Verbindung zum zeitgenössischen Theater mit seinen Komödien und Tragödien. Die Maler ließen sich in der Wahl ihrer Bildthemen von populären Bühnenstücken inspirieren. Ein Beispiel hierfür ist der in Leipzig geborene Nikolaus Knüpfer, dessen Historienbild „Sophonisbe empfängt den Giftbecher“ eine bühnenhafte Raumkomposition zeigt und durch ein Theaterstück angeregt sein dürfte. Knüpfer stellt den dramatischen Höhepunkt der Tragödie dar, als sich Sophonisbe mit einem giftigen Trank selbst tötet. Darüber hinaus ist Theatralität ein Grundprinzip der barocken Malerei, das darauf abzielt die Gefühle der Betrachtenden zu überwältigen. Dies ist auch an dem Gemälde „Das Schiffswunder der hl. Walburga“ zu erkennen, das aus einem größeren Altarbild stammt. Mit äußerster Kraft stemmen sich die muskulösen Ruderer vergeblich gegen die sturmgepeitschten Wellen. Peter Paul Rubens zeigt, wie stattdessen die Heilige durch ihr theatralisch im Licht inszeniertes Gebet den bedrohlichen  Sturm abwendet. Einmal darauf aufmerksam geworden, erkennt man auf vielen Bilder theatralische Merkmale. Auch die spezialisierten Architekturmaler nutzten die Sakralräume der Kathedralen als Bühne, um nicht nur biblische Geschichten, sondern ihre eigene Virtuosität in der Beherrschung der Perspektive zu inszenieren.