Objektabbildung zoomen

Esaias van de Velde,  
Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern, 1615

 

Auf einem zugefrorenen Kanal spielen drei Männer Kolf, rechts vergnügen sich Kinder mit Schlittschuhen und Schlitten auf dem Eis. In der rechten Bildhälfte stehen mehrere große Gebäude am Ufer, darunter ein hölzerner Turm mit Taubenhaus und ein mehrstöckiges Wirtshaus. Am niedrigen Ufer, das mit Planken vom Kanal abgetrennt ist, ragt ein eingefrorener Kahn empor. Im Mittelgrund führt eine Brücke über den schilfbestandenen Kanal, der sich dahinter bis zu einer Kirche am Horizont erstreckt. Der Boden, die kahlen Bäume und Häuserdächer sind verschneit. Auf den roten Backsteinen ist der Reflex der winterlichen Sonne zu erkennen, die auch den Himmel rötlich verfärbt. Das Leipziger Bild zählt zu den frühesten Winterlandschaften Esaias van de Veldes. Stilistisch verwandt ist eine 1614 datierte Winterlandschaft in Raleigh (North Carolina Museum of Art, Inv.-Nr. 52.9.61). Eine deutliche Verwandtschaft zeigt das Gemälde im Motivrepertoire und Bildaufbau zu den frühen radierten Landschaften van de Veldes, die um 1615 entstanden sind.(1) Auch in frühen Zeichnungen behandelte Van de Velde ähnliche, nahsichtige Winterlandschaften.(2) Keyes betont die Modernität des Leipziger Bildes. Neuartig ist die Wahl eines nahsichtigen Ausschnittes durch den relativ tiefen Betrachterstandpunkt, die naturgetreue, detaillierte Schilderung einer dörflichen Straße am Kanal und die stimmungsvolle Wiedergabe der Tageszeit in den Farben des Wintertages. Durch den Verzicht auf die Überschauperspektive und Vielfigurigkeit der Winterlandschaften Hendrick Avercamps verleiht Van de Velde seinem Werk den Charakter einer Milieustudie.(3) Während der Maler und Kunstschriftsteller Karel van Mander (1548–1606) im „Grondt der Edel vrij Schilder-const“ (Haarlem 1604) jungen Landschaftsmalern empfohlen hatte, die pittoresken und bizarren Aspekte der Landschaft zu betonen, schilderte Van de Velde einen realistisch wirkenden Ausschnitt.(4) Auch die Wiedergabe der Menschen auf dem Eis ist durch einen genauen Blick für charakteristische Einzelheiten in Kleidung, Haltung und den Bewegungen der Figuren gekennzeichnet. Der Aspekt der Arbeit wird durch einen Mann illustriert, der einen Sack auf dem Rücken trägt. Der Kahn mit geborstenem Rumpf und die schadhafte Lehmverkleidung des Turms setzen in zurückhaltender Weise malerische Akzente. Das Interesse Van de Veldes an der einheimischen holländischen Landschaft hat eine Parallele in der um 1612 publizierten Folge Plaisante Plaetsen (Angenehme Gegenden) von Claes Jansz. Visscher d. J. (1586–1652), die in zwölf Radierungen Gegenden aus der Umgebung Haarlems zeigt (Hollstein 149–160).

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Zugefrorener Fluss neben einem Turm (Hollstein 38, Keyes E.30). Vgl. auch die 1619 datierte Zeichnung einer Winterlandschaft van de Veldes in Leipzig (Museum der bildenden Künste Leipzig, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. N.I. 443), die das Motiv arbeitender Männer zeigt (beim Schleppen von Baumstämmen), anders als das bevorzugte Wintervergnügen des Kolfens oder Schlittschuhlaufens.
(2) Vgl. Keyes 1984, Nr. D 81, 77, Tafel 67, 69.
(3) Vgl. im Unterschied die früheste, 1608 datierte Winterlandschaft Hendrick Avercamps (Bergen, Kunstmuseum, Inv.-Nr. 43).
(4) Vgl. Van Mander/Miedema 1973, Bd 1, S. 214f.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 28,8 x 46,6 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1861 Schenkung von Gustav Moritz Clauß, Leipzig

Inventar-Nr. G 359