Objektabbildung zoomen

Pieter Jacobsz. Codde,  
Das Urteil des Midas, um 1665

 

Vor einem Felsen lauscht eine Gruppe dem musikalischen Wettstreit zwischen den griechischen Göttern Apoll und Pan. Links spielt Apoll als halbnackter Jüngling auf einer Violine; neben ihm am Boden hockt der Wald- und Hirtengott Pan mit der Flöte in den Händen, dahinter sitzt der Berggott Tmolos, der Richter über den Wettstreit. Rechts auf einem Felsen ist der phrygische König Midas in orientalischer Kleidung zu sehen, majestätisch zwischen Satyrn und Nymphen gelagert. Tmolos sprach Apoll den Sieg zu, wogegen Midas protestierte, der daraufhin durch den erzürnten Apoll mit Eselsohren bestraft wurde (Ovid, „Metamorphosen“, 11. Buch, 147–180). Der Sage nach versuchte Midas seine Demütigung zu verbergen, indem er eine phrygische Mütze trug. Codde ersetzte diese durch einen mächtigen Turban, unter dem die Eselsohren hervorragen. Der Künstler aktualisiert die mythologische Szene, indem er zeitgenössische Instrumente darstellt: Auf dem Boden ist als ein „Bild im Bild“ ein Musikstillleben mit Laute, Violoncello und Notenheften zu sehen. Außerdem gibt Codde einigen Nymphen das Aussehen junger Holländerinnen mit blonden Haaren. Ihre blaue und gelbe Gewandung wiederholt die Kostümfarben aus Coddes Fröhlichen Gesellschaften, in denen der gleiche Gesichtstypus wiederkehrt. Der flüssige Pinselduktus verleiht dem Bild einen lebendigen Ausdruck. Besondere Akzente werden durch die verschiedenfarbigen Inkarnate gesetzt: auf der einen Seite die weiße Hautfarbe Apolls und der Nymphen, auf der anderen Seite die rotbraune Hautfärbung von Pan und Tmolos, die auf ihre Erd- und Naturverbundenheit anspielt. Der betonte Kontrast der unterschiedlichen Gemütszustände von Apoll als vergeistigtem Geiger und Pan als vergrämtem Verlierer wirkt komisch. Eine weitere Version des Midasurteils von Codde, wohl 1663 datiert, zeigt eine ähnliche Figurengruppe vor dem Felsen in einer Landschaft.(1) Codde lehnt sich in Komposition und einzelnen Motiven eng (zum Teil kopierend, siehe die ausgestreckte Hand des Midas) an eines des bekanntesten Gemälde von Pieter Lastmann (1583–1633) an, ein um 1616 datiertes Midasurteil.(2)

Jan Nicolaisen

(1) Amsterdam, Sotheby’s, 5.5.2009, Nr. 82 (RKD-Kunstwerknr. 2281).
(2) Turin, Privatbesitz; vgl. Sluijter 2000, S. 43; Seifert 2011, S. 285, Nr. A 6.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 77,2 x 75,9 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 999