Nicolaus Knüpfer,  
Der Selbstmord der Lukretia, 1640 - 1655

 

Die verzweifelte Lukretia erdolcht sich im Bett im Beisein ihres Ehemanns Collatinus, der auf dem Boden neben ihr kniet. Im Hintergrund betritt ihr Vater mit abwehrend erhobenen Händen den Raum. Zuvor war Lukretia von Sextus Tarquinius, einem römischen Königssohn, vergewaltigt worden. Sie wählt den Freitod, nachdem sie Collatinus das Versprechen abgenommen hat, sie zu rächen. Dieser initiiert den Aufstand gegen die Monarchie und wird erster Konsul der neu gegründeten römischen Republik. Die von dem römischen Geschichtsschreiber Livius (um 59 v. Chr.–17 n. Chr) in seinem Geschichtswerk „Ab urbe condita [...]“ überlieferte Tragödie gehört zum Gründungsmythos der römischen Republik. Auch aufgrund des erotischen Sujets war der Selbstmord Lukretias seit dem späten Mittelalter ein beliebtes Thema der Malerei. Lukretia dient in dieser Bildtradition als exemplum für weibliche Keuschheit und eheliche Treue. Knüpfer fokussiert den Blick des Betrachters durch die Lichtregie auf den Dolch, der die Haut unter den entblößten Brüsten Lukretias berührt. Das Inkarnat der beiden Figuren ist kontrastreich wiedergegeben. Saxton (2005) preist die künstlerische Qualität des Leipziger Bildes, dessen Lebhaftigkeit durch den flüssigen Farbauftrag in lebendigem Pinselduktus verstärkt wird. Die Rüstung des Mannes betont die Nacktheit und Verletzlichkeit der schönen Lukretia. Ihr zerrissenes Nachthemd erinnert an die Vergewaltigung. Typisch für die Neigung Knüpfers zur theatralischen Inszenierung ist die ergeben aufgespreizte Hand und ihr ins Leere gehender, todgeweihter Blick. Der Künstler knüpft an die ikonografische Tradition Lukretias als Einzelfigur an, erweitert das Motiv aber durch Collatinus um eine szenische Dimension, die seinem erzählerischen Talent entgegenkommt. Die Anwesenheit des Ehemanns, der ihren Tod nicht verhindert, unterstreicht den tragischen Charakter der Handlung. Die Pose Lukretias erinnert an eine Zeichnung Hans Rottenhammers (1564–1625) in Dresden mit der Darstellung ihrer Vergewaltigung durch Sextus Tarquinius.(1) Knüpfer besaß, angeregt durch seinen Lehrer Abraham Bloemaert (1564–1651) in Utrecht, eine Affinität zur exaltierten Körpersprache des Manierismus. Der Maler hat das Thema in zwei weiteren Versionen dargestellt.(2)

Jan Nicolaisen

(1) Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv.-Nr. 1893 M 151.
(2) Kuznetsov 1974, Nr. 115–116; Saxton 2005, S. 155f., Nrn. 63–64.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 27,3 x 21,5 (Bildmaß)

Erwerbung 1913 Erwerbung von Marie Schmidt, Meerane, mit Mitteln aus dem Vermächtnis von Alfred Thieme, Leipzig, und von einer Privatperson

Inventar-Nr. G 956