Objektabbildung zoomen

Dirck Hals,  
Fröhliche Gesellschaft mit Flötenspieler, um 1635

 

Eine Gesellschaft, bestehend aus zahlreichen feiernden Männern und Frauen, hat sich nach der Mahlzeit an einer Tafel bei Musik, Gesang und Trank versammelt. Am linken Bildrand steht ein Bett mit Vorhang, das den Ort als Bordell kennzeichnet. Aus der dichten Gruppierung ragen drei Figuren heraus: ein Flötenspieler in Offiziersuniform sitzt in der Bildmitte, symmetrisch flankiert von einer Prostituierten mit blauem Seidenkleid und gefärbten Federn im Haar am linken und einer Dienstmagd mit weißem Kopftuch am rechten Bildrand. Dirck Hals entwickelte das Thema der „Fröhlichen Gesellschaften“ in der Nachfolge von Willem Buytewech (1591/92–1624) und Esaias van de Velde, die beide wie er in Haarlem tätig waren. Der Bildtypus stellt in zugleich belustigender und tadelnder Haltung feiernde Menschen dar, die in zeitgenössischem Habitus den Lastern der Unmäßigkeit, Trunksucht und Unkeuschheit frönen.(1) Die Gegenüberstellung einer modisch gekleideten Prostituierten und einer Magd in schlichtem Weiß kann als Kontrast von superbia (Prunksucht) oder luxuria (Verschwendungssucht) zur humilitas (Demut) verstanden werden. Die aufwendige Kleidung, der kokette Blick und das auffordernde Präsentieren einer Frucht (Zitrone?) durch die Kurtisane entstammen der mittelalterlichen Tradition allegorischer Darstellungen von „Frau Welt“, einer Personifikation weltlicher Sinnenfreude.(2) Durch die Landkarte an der Rückwand, die auch auf Bildern von Buytewech erscheint, wird inmitten des Bordells an die Realität der Außenwelt mit ihren Verpflichtungen und Herausforderungen erinnert.(3) An der Rückwand ist, wie auf vielen Fröhlichen Gesellschaften der holländischen Genremalerei, das Porträt eines Mannes mit Schärpe in würdevoller Haltung angebracht, um den Kontrast zur ausgelassenen Gesellschaft zu betonen. Das Leipziger Gemälde zeigt einen lockeren Pinselduktus, in dem man den Einfluss des älteren Bruders Frans Hals erkennen kann. Der Geiger links neben dem Flötenspieler weist eine Ähnlichkeit mit einem von Rembrandt in der zweiten Hälfte der 1620er Jahre entwickelten physiognomischen Typus auf, den er in tronieartigen Selbstbildnissen erprobte und in Radierungen verbreitete. Das tonige Kolorit mit dominierenden Gelb-, Braun- und Blautönen sowie weitere stilistische und kostümliche Details sprechen für eine Datierung in die Mitte der 1630er Jahre.(4) Zumindest eine Teilkopie aus den 1630er Jahren hat sich erhalten.(5)

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Ausst.-Kat. Philadelphia/Berlin/London 1984, S. 21.
(2) Vgl. E. de Jongh, Vermommingen van Vrouw Wereld in de 17de eeuw, in: Album Amicorum F.G. van Gelder, Den Haag 1981, S. 198ff.
(3) Vgl. Hedinger 1986, S. 41.
(4) Der Gesichtstyp der beiden sitzenden Frauen vorne links sowie der gelbe Rock sind dem 1633 datierten Bild Junge Frau mit einem Brief (Philadelphia Museum of Art, John G. Johnson Coll., Nr. 434) eng verwandt. Zur Datierung des Offizierskostüms mit hellem, hochtailliertem Rock nach französischer Mode vgl. Raupp 1996, S. 102, bei Nr. 23.
(5) Vgl. Nehlsen-Marten 2003, S. 376, Nr. 129; vgl. auch Dirck Hals (Umkreis oder Nachfolge), Flötenspieler mit Gesellschaft in einem Interieur, Haastrecht, Museum Bisdom van Vliet (RKD-Kunstwerknr. 18113).

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 53,8 x 86,7 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1015