Objektabbildung zoomen

Jacob Isaacksz. van Ruisdael,  
Dünenlandschaft mit einem Eseltreiber, 1647

 

Zwischen Gräsern, Gestrüpp und Bäumen, vorbei an einer halb versteckten Hütte, führt ein sandiger Pfad in der rechten Bildhälfte auf den Scheitelpunkt einer Düne. Hier ist eine kleine Gruppe von Menschen versammelt, die auf das Meer blickt.(1) Am rechten Bildrand kommt ein Mann mit seinem Esel vom Dünenhügel herabgelaufen. Links im Vordergrund sieht man das sandige Ufer eines flachen Tümpels vor einem windschiefen Zaun aus Schilfbüscheln, der ein von Pflanzen und Gebüsch überwuchertes Grundstück umschließt. Als zentrales Bildmotiv erscheint das Aufragen und Ausgreifen der Bäume vor dem blauen Himmel, das der Künstler im Gegenlicht und aus Untersicht theatralisch inszeniert. Von großem malerischen Reiz ist die farbige Pracht des Himmels mit seinen Wolkenformationen, der vielleicht den Einfluss der zweiten Generation der italianisanten Landschaftsmaler zeigt, die in den 1640er Jahren nach Holland zurückkehrten.(2) Die Aufmerksamkeit, die van Ruisdael dem Licht widmet, zeigt sich in Einzelheiten wie den Weißhöhungen auf Pflanzen, Gräsern und Schilfbüscheln. Insgesamt strebt der Künstler durch den wuchernden, kaum domestizierten Charakter der Landschaft nach einem Naturausdruck von elementarer Lebendigkeit. Auch die Zeichenweise des Laubes mit seinen stacheligen Konturen ist in eine feinnervige Unruhe versetzt, die die Urwüchsigkeit der Natur betont. Dünen stellten in den 1640er Jahren Ruidaels bevorzugtes Sujet dar. Zwischen 1646 und 1651 malte er rund 34 Dünenlandschaften, allein aus dem Jahr 1647 sind sechs datiert.(3) Möglicherweise wurde das Motiv in der nahe am Meer gelegenen Stadt Haarlem besonders nachgefragt, denn nach van Ruisdaels Übersiedlung nach Amsterdam schuf er keine weiteren Dünen mehr. Bereits seine ersten Dünenbilder von 1646 sind durch einen neuartigen Realismus im Detail gekennzeichnet, der auf intensive Naturstudien in der Umgebung Haarlems zurückgehen muss.(4) Gleichzeitig entwickelt der Künstler rasch einen Sinn für die Inszenierung des schlichten Dünenmotivs durch Lichtregie und Komposition. Ein Blick auf die fünf Jahre früher entstandene Dünenlandschaft (Verlinkung?) Jan van Goyens oder dessen zeitlich nähere Rheinlandschaft bei Elten (Verlinkung?) zeigt van Ruisdaels Abgrenzung von der tonigen Landschaftsmalerei, die van Goyen, Pieter de Molijn und sein Onkel Salomon van Ruysdael pflegten. Dieser Stilwandel steht vermutlich auch im Zusammenhang mit dem Versuch des gerade Zwanzigjährigen, sich durch eine persönliche Handschrift auf dem von Konkurrenz geprägtem Haarlemer Kunstmarkt einen Namen zu machen.(5) Bredius (1890) hat die Figurenstaffage im Werk Nicolaes Berchem zugeschrieben, mit dem van Ruisdael befreundet war. Die Figuren auf der Dünenspitze werden in idyllischer Weise von Bäumen umrahmt. Sie scheinen die Landschaft als ästhetisches Objekt zu betrachten: Die Düne wird zum Belvedere.

Jan Nicolaisen

(1) Am linken Horizontrand ist ein kleiner Streifen des blauen Meeres wiedergegeben, der heute kaum noch zu erkennen ist.
(2) Vgl. Rosenberg 1928, S. 13. Jan Both war wohl 1642 aus Italien nach Holland zurückgekehrt, Jan Asselijn im Jahr 1647, vgl. Ausst.-Kat. Wien 2007/08, S. 326–328.
(3) Vgl. Slive 2001, S. 592.
(4) Leider haben sich kaum Zeichnungen van Ruisdaels erhalten, die als unmittelbare Naturstudien bezeichnet werden können, sondern eher im Atelier vollendete Blätter, die von den Sammlern als eigenständige Kunstwerke geschätzt wurden. Giltaij 1980, S. 207, betont die Schwierigkeit zu entscheiden, ob die Zeichnungen vor der Natur entstanden sind oder nicht.
(5) Zu den Auseinandersetzungen in Haarlem vgl. Schwartz/Bok 1990, S. 171ff.

Systematik Gemälde

Material/Technik

Maße 71,7 x 95,8 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1055