Objektabbildung zoomen

Jacob Isaacksz. van Ruisdael,  
Landschaft bei Morgenstimmung, 1648

 

Eine idyllische Landschaft mit Anglern, spiegelglattem See und einer malerischen Ruine, die halb vom Laub versteckt wird, bringt ein anderes Naturgefühl zum Ausdruck als die ein Jahr zuvor entstandene Dünenlandschaft mit einem Eseltreiber (Verlinkung?). Van Ruisdael orientiert sich an den poetischen Stimmungslandschaften Cornelis Hendriksz. Vrooms (1591/92–1661), setzt aber im linken Vordergrund mit einer Kombination aus ausladenden Bäumen und Buschwerk einen markanten Akzent.(1) Nachdem das Bild in der älteren Forschung auch von kritischen Kennern wie Jakob Rosenberg als ein besonders qualitätvolles Gemälde des Jacob van Ruisdael bewertet worden ist, kamen in den 1970er Jahren Zweifel auf, die während des Niederländer-Kolloquiums 1996 diskutiert wurden. Slive nahm das Bild als eigenhändig in den Werkkatalog auf. Der Verfasser widmete der Zuschreibungsproblematik 2001 und 2002 längere Beiträge. Das Bild ist von herausragender zeichnerischer und malerischer Qualität. Das Laubwerk in der linken Bildhälfte ist in der für die zweite Hälfte der 1640er Jahre typischen, wildnisartigen Verdichtung fein durchgezeichnet und in Braun- und Grüntönen nuanciert. Der links in Krümmungen emporwachsende Eichenstamm zeigt in seiner rissigen Rindenstruktur Naturbeobachtung und zugleich Stilisierungswillen. Der Entwurf des Baumstamms sowie der Äste, Zweige und Blätter in der linken Bildhälfte steht einer signierten, 1648 oder 1649 datierten Zeichnung Van Ruisdaels nahe, die zwei alte Eichen an einem Gewässer in den Mittelpunkt stellt.(2) Besondere Aufmerksamkeit widmet van Ruisdael dem Verhältnis von Licht und Farbe. Je weiter vom Betrachter entfernt, d.h. je näher dem Himmel gerückt die Bäume dargestellt sind, desto zarter und heller erscheinen sie. In enger Anlehnung an Gemälde von Cornelis Hendriksz. Vroom ist der Hintergrund mit dem einzelnen Baum in der Bildmitte und den grünen Wiesen gemalt.(3) Der Himmel mit seinen wenigen, aber ausdrucksvollen Wolken, die ebenfalls Naturstudium verraten, ist eine durchlichtete, farblich äußerst nuanciert behandelte Fläche, die sich im Moment des Sonnenaufgangs erhellt.(4) In zeitgenössischen Inventaren wurde der Landschaftstyp einer Morgendämmerung als morgenstond oder dagerat bezeichnet.(5)

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Stechow 1966, S. 72.
(2) Chantilly, Musée Condé, Inv.-Nr. 389 bis, vgl. Giltaij 1980, S. 193, Nr. 34, Abb. 6.
(3) Vgl. das Gemälde Flussmündung mit Bäumen, Öl auf Holz, 50 ×67,5 cm; Haarlem, Frans Hals Museum, Leihgabe aus Privatbesitz; um 1638/39 datiert; vgl. Ausst.-Kat. Hamburg/Haarlem 2002, S. 58, Nr. 5.
(4) Bei einigen Wolken handelt es sich um Zirruswolken. Frdl. Hinweis von Franz Ossing, GeoForschungszentrum Potsdam.
(5) Die ersten Erwähnungen des Bildsujets in Amsterdamer Inventaren stammen aus den 1640er Jahren (1643, 1647). Vgl. Montias 2003, S. 222.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 52,5 x 68 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1056