Objektabbildung zoomen

Jan Weenix,  
Galante Gesellschaft im Freien, um 1675

 

Drei elegant gekleidete, junge Paare sind im Vordergrund unter einer Venusskulptur und hohen Bäumen in einem Park versammelt. Zu den Klängen einer Laute, die von einer Dame im blauen Kleid gespielt wird, singt eine weitere Frau in hochgeschnürtem, engen Mieder, während sie den Text oder die Noten von einem Zettel abliest. Ein junger Mann neben ihr begleitet sie mit weit geöffnetem Mund. Im Schoß der blonden Sängerin liegt ein à la mode kostümierter junger Mann, der zärtlich ihren Arm berührt und verträumt in die Baumwipfel blickt. Am linken Bildrand im Schatten bespritzt ein dritter Mann eine Frau mit Wasser aus einem Brunnen, den sprudelndes Wasser aus dem geöffneten Mund einer Maske unter der Venusskulptur füllt. Die Szene ist durch einen in der rechten Bildhälfte angedeuteten Kanal, auf dem eine Barke fährt, von dem restlichen Park getrennt. Im Hintergrund sind ein skulpturengeschmücktes Rondell vor einer palastartigen Architektur und weitere Paare im dämmrigen Abendlicht zu sehen. Die Darstellung verliebter, musizierender junger Männer und Frauen im Zeichen der Liebesgöttin knüpft an die bis in das Mittelalter zurückreichende Tradition der Liebesgärten an. Hartleb (1998) hat auf einen Kupferstich von Jan Saenredam (1565–1607) nach Hendrick Goltzius mit vergleichbaren Elementen als eine mögliche Anregung hingewiesen.(1) Die kontrastreiche Lichtregie und das Motiv der Lautenspielerin in Rückenansicht erinnern an den Utrechter Caravaggismus. Das Motiv der jungen Paare, die lässig unter antiken Sockeln und Skulpturen lagern, hat Jan Weenix von seinem Vater übernommen.(2) Die gleiche Venusfigur hat Weenix auf einem Gemälde in Braunschweig verwendet (Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv.-Nr. 367). Durch die Kleidung und Frisuren der Figuren ist das Leipziger Bild in die Mitte der 1670er Jahre zu datieren.(3) Der Künstler schuf neben Stillleben und Porträts auch einige Bilder von Parklandschaften mit promenierenden Figuren als wandbehangsels, d.h. als illusionistische Wanddekorationen für Wohnräume.(4) Jan Weenix veranschaulicht die Macht der erotischen Anziehungskraft, vielleicht mit etwas Ironie, die den – wie eine Jagdbeute – auf dem Boden ausgestreckten jungen Mann im Bann hält. Die Abgeschiedenheit des Ortes innerhalb eines verwunschenen Parks, der über einen Kanal zu erreichen ist (und den in der verschatteten rechten Bildhälfte ein Paar bereits wieder verlässt), scheint Motive der Einschiffung nach Kythera von Antoine Watteau (1684–1721) vorwegzunehmen, der durch die holländische Genremalerei beeinflusst wurde.

Jan Nicolaisen

(1) Venus und ihre Kinder (ca. 1596), Ausst.-Kat. Leipzig/München 1998, S. 181. Ob Weenix den Stich kannte oder gar eine Allegorie des Gehörs darstellen wollte, bleibt allerdings fraglich. Vgl. auch E. J. Sluijter, Venus, Visus and Pictura, in: Sluijter 2000 A, S. 86–150.
(2) Vgl. Jan Baptist Weenix, Schlafendes Mädchen, 1656 (München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. 869); Schlafendes Mädchen, 1665 (ebd., Inv.-Nr. 246); Musizierende Gesellschaft unter antikisierender Architektur am Hafen, 1667 (Paris, Musée du Petit Palais); vgl. C. Schloss, The early italianate genre paintings by Jan Weenix (ca. 1642–1719), in: Oud Holland 97, 1983, S. 69–97, insbes. S. 72, Abb. 7–8.
(3) Die kindlichen, etwas puppenhaften Gesichter der jungen Frauen und Männer, ihre Kleidung und Frisuren kehren auf einem 1675 datierten Gemälde von Jan Weenix wieder (Südlicher Hafen mit eleganter Gesellschaft, London, Christie’s, 4.7.1997, Nr. 58, RKD-Kunstwerknr. 12568).
(4) Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. Sk-A-4098.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 112 x 99,3 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1618