Objektabbildung zoomen

Jacob Isaacksz. van Ruisdael,  
Abendlandschaft im Winter, um 1665

 

Bei einbrechender Dunkelheit durchqueren einige Wanderer ein Dorf im Winter. In der winterlichen Landschaft steht ein abgestorbener Baum, an dem ein Hohlweg vorbeiführt. Zwei kurze Pfähle, neben denen ein altes Wagenrad liegt, warnen vor dem Hohlweg, der quer zu einer breiteren Straße durch die Ortschaft führt.(1) Rechts steht im Mondlicht eine geschlossene Gaststätte, dem Vordach aus Zweigen und Hölzern nach zu urteilen. Im Hintergrund sind in Schneegestöber oder Dunkelheit weitere Gebäude und ein Baum im blaugrauen Licht nur noch schemenhaft zu erkennen. Schwarzgraue Unwetterwolken, die sich am Himmel auftürmen, haben das Licht zwar fast vollständig verdunkelt, doch einige blaue Ausschnitte sind am Himmel erkennbar und erleuchten teils den Boden.(2) Nur etwa 30 Winterlandschaften von Van Ruisdael haben sich erhalten, die in der Mehrzahl nicht die üblichen Wintervergnügungen mit Schlittschuhfahrern und dem Kolfspiel zeigen. Van Ruisdael schilderte auf mehreren Bildern die einfallende Dunkelheit, offensichtlich interessiert an dem ästhetischen Phänomen der damit einhergehenden Reduktion der Farben auf Schwarz-Weiß-Gegensätze. Eine Beeinflussung durch die Winter- und Mondscheinlandschaften Aert van der Neers ist anzunehmen. Die Düsternis und Vorstellung von Kälte bei stürmischem Wind, die durch die Wolken nahe liegt, verleiht diesen Bildern einen fast dramatischen Ausdruck. Keine der Winterlandschaften Van Ruisdaels ist datiert. Slive nimmt an, dass Van Ruisdael sich dem Thema erst ab etwa 1655 zugewendet hat.(3) Die Mehrzahl der Winterlandschaften wird von Slive in die 1660er Jahre datiert, in denen eine Gruppe ähnlicher, fast nächtlicher Landschaften entstand.(4) Die winterliche Landschaft Ruisdaels setzt sich aus einer Vielzahl von Einzelbeobachtungen zusammen, die vor allem das Studium der jahreszeitlich bedingten Licht- und Wetterverhältnisse demonstrieren. Bei den meisten seiner Winterlandschaften handelt es sich um handliche Formate, die eine Betrachtung aus der Nähe, ähnlich der Druckgrafik oder Handzeichnung, erfordern.(5) Möglicherweise entstanden Van Ruisdaels Winterbilder nach seiner Übersiedlung nach Amsterdam (um 1655) für den großstädtischen Kunstmarkt in Abgrenzung zu den traditionellen Winterlandschaften in der Nachfolge Esaias van de Veldes und Hendrick Avercamps.

Jan Nicolaisen

(1) Slive 2001, S. 476 weist die Interpretation des Wagenrads als Vanitassymbol durch Walford 1991 als spekulativ zurück.
(2) Van Ruisdael setzte auf zahlreichen seiner Winterlandschaften durch ein beleuchtetes großes Gebäude einen markanten plastischen und kompositionellen Akzent. Vgl. z.B. Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. 154; ehem. London, Julius Löwenstein; Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza, Inv.-Nr. 1934-19; Slive 2001, Nrn. 674, 678, 681.
(3) Auf den frühesten Winterlandschaften der 1650er Jahre ist nach diesem Modell der zeitlichen Abfolge die Farbigkeit noch heller, durch feine Grautöne bestimmt und ohne markante kompositionelle Akzente. Vgl. Rosenberg 1928, S. 40; Slive 2001, S. 469 u. Nrn. 676, 690.
(4) Stilistisch nahe stehen die Winterlandschaften in Den Haag, Mauritshuis, Inv.-Nr. 802; München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. 117; Slive 2001, Nrn. 673, 684.
(5) Slive 2001, S. 469.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 38,6 x 34,4 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1057