Objektabbildung zoomen

Pieter de Hooch,  
Unterricht im Laufen (Die Apfelschälerin), um 1670

 

In einem reich ausgestatteten Interieur sind drei Personen versammelt: eine junge Mutter mit ihrer Tochter, die soeben lernt zu laufen, und eine Magd, die das Kind dabei unterstützt. Während die Mutter das Mädchen mit frisch geschnittenen Apfelscheiben zu sich lockt, hält die Magd das Kind an einem Band unter den Achseln fest. Es ist außerdem durch einen mit Samt gepolsterten Kopfreif davor geschützt, sich beim Hinfallen zu verletzen. Durch die Ausdruckskraft kleiner Gesten (das Lächeln der Mutter, das zaghafte Heben der Hände des Kindes) gelingt de Hooch eine einfühlsame und natürlich wirkende Darstellung. Der Raum ist durch Accessoires wie den verzierten Kamin, den Orientteppich auf dem Tisch, einen Spiegel und ein Gemälde im vergoldeten Rahmen sowie die hohen Fenster detailliert als Wohnraum einer wohlhabenden Familie geschildert. Auch die elegante Kleidung der Figuren mit der pelzbesetzten Jacke der Mutter, ihrem glänzenden Satinkleid, dem leuchtend grünen Kleid des Kindes und dem farblich etwas gedämpfteren Kostüm der Magd schildert de Hooch mit großer Sorgfalt. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Künstler dem Lichteinfall durch die Fenster, der die farbigen Oberflächen wie den blau gepolsterten spanischen Stuhl, das Gewand der Mutter oder die vergoldeten Schnitzrahmen aufleuchten lässt. Auf dem blank geputzten Fußboden ist der orangene Reflex des Kleides zu erkennen. De Hooch hatte sich in den 1650er Jahren in Delft auf häusliche Motive spezialisiert, in denen kleine Kinder im familiären Milieu eine prominente Rolle einnehmen. Nach seiner Übersiedlung nach Amsterdam bevorzugt der Künstler zwar Interieurs, die das Leben einer reicheren Gesellschaftsschicht widerspiegeln. Trotzdem greift er hier auf ein bereits in den Delfter Jahren um 1658/60 erprobtes Kompositionsschema zurück. Das Vorbild ist ein von Sutton 1658/60 datiertes Bild Stillende Mutter mit Kind an einem Kamin.(1) Das gleiche Motiv malte er in dem wohl um 1663 zu datierenden Gemälde einer Apfelschälerin, die ebenfalls vor dem Kamin seitlich des Fensters mit einem Flechtkorb auf dem Schoß dargestellt ist (London, Wallace Coll., Inv.-Nr. P 23).(2) In den Umkreis des Leipziger Bildes gehören drei weitere Mutter-Kind-Darstellungen in ähnlichen Interieurs, insbesondere ein Bild in Los Angeles, auf dem der Orientteppich, der Tisch vorne links und der goldgerahmte Spiegel an der Rückwand fast direkt wiederholt sind.(3) Diese Variationen von Innenräumen, Sitzhaltungen, Kostümformen und Ausstattungen sprechen für eine ökonomische Arbeitsweise. Das Motiv der Apfelschälerin wurde um 1660 auch in einem Gemälde von Gerard ter Borch (Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. GG_588) behandelt, das ebenfalls eine enge Beziehung von Mutter und Kind in einem vornehmen Interieur zeigt. Bereits in den 1640er Jahren schilderte Philips Wouwerman das Sujet des Laufenlernens, allerdings im ärmlichen Milieu von Fischern (vgl. Kat.-Nr. 380).

Jan Nicolaisen

(1) De Young, Fine Arts Museums of San Francisco, Inv.-Nr. 61-44-37; Sutton 1980, S. 83, Nr. 32.
(2) Vgl. Kat. London 1992, S. 169; Sutton 1980, S. 95, Nr. 61.
(3) Es handelt sich bei dieser Gruppe nach Sutton 1980, S. 32, 102, Nr. 87–90 neben dem Leipziger Bild um folgende Bilder: Eine Frau gibt einer Dienstmagd eine Münze (Los Angeles, County Museum of Art, Inv.-Nr. M.44.2.8); Frau mit Kind und Magd (Verbleib unbekannt) und Frau mit einem Kind, das einen Papageien füttert (Privatbesitz, England).

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 68,3 x 59,7 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1558