Objektabbildung zoomen

Adriaen van Ostade,  
Die Bänkelsängerin (Vorleserin), 1644

 

An der Eingangstür eines Bauernhauses haben sich einige Erwachsene und mehrere Kinder versammelt, um einer alten Frau in abgerissener Kleidung beim Vorlesen (oder Vorsingen?) zuzuhören. Sie scheint von einem Jungen an der Drehleier begleitet zu werden. Das bäuerliche Milieu ist detailreich mit bröckelndem Putz, wuchernden Efeuranken, herumliegenden Gerätschaften, spielenden Kindern und pickenden Hühnern im Hof charakterisiert. Durch einen ausladenden Baum, der sich über dem Anwesen erhebt, und einen hohen Bretterzaun wirkt der Hof von der Außenwelt abgeschlossen. Der Künstler hat die Szene in ein warmes, helles Licht getaucht. Die anheimelnde Stimmung ist Ausdruck einer Tendenz Ostades zur beschaulichen Milieuschilderung seit etwa Mitte der 1640er Jahre. Die Wildheit kartenspielender Bauern vom Beginn der 1630er Jahre scheint weit entfernt.(1) Bei genauer Betrachtung erkennt man die karikierende Absicht Ostades: Der Gesichtsausdruck der alten Frau mit gebogener Nase und geöffnetem Mund im Profil, unter turbanartiger Kopfbedeckung, ist komisch. Der Krug am Gürtel weist darauf hin, dass sie gerne Bier als Lohn für ihre Dienste entgegennimmt. So verwundert es nicht, dass die Mienen ihrer Zuhörer eher Belustigung als gespanntes Interesse zeigen. Die Komposition zeigt den Einfluss von Radierungen Rembrandts wie Der Rattengiftverkäufer (Bartsch 121, 1632 datiert) und Alte Bettlerin mit Umhängeflasche (Bartsch 168, um 1629).

Jan Nicolaisen

(1) Ein von Hartleb (in Ausst.-Kat. Leipzig/München 1998) für ein Gegenstück gehaltenes Gemälde in Wien, Komischer Vorleser in der Bauernschenke (Wien, Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Inv.-Nr. 732), das zwischen 1633 und 1636 entstanden ist, schlägt einen ungleich satirischeren Ton an. Vgl. Kat. Wien 1992, S. 295–298 (R. Trnek).

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Eichenholz

Maße 45,1 x 35,5 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1604