Adriaen van Ostade,  
Der Zahnarzt, 1637

 

Ein Quacksalber zieht mit einer Zange einen Zahn aus dem Mund eines Bauern, der vor ihm in einem Stuhl sitzt und von einer alten Frau festgehalten wird. Rechts daneben steht ein Kind, am linken Bildrand ist ein weiteres Kind zu sehen, das dem Quacksalber assistiert. Auf einem Bretterverschlag, der vermutlich als Schrank dient, sind als Zeichen der scheinbaren Gelehrsamkeit des Quacksalbers einige alte Bücher in Ledereinbänden aufgereiht. Auf zwei Regalen stehen Tinkturen und Pulver in Gläsern und Schachteln. An der Holzwand des Bretterverschlags ist eine karikierende Zeichnung befestigt, deren Darstellung wegen des schlechten Erhaltungszustandes des Bildes nicht mehr genau zu erkennen ist.(1) Der Zahnzieher trägt eine theatralische Kleidung mit geschlitzten Ärmeln und Hosenbeinen, um seinen „Patienten“ zu imponieren. Als Bezahlung für seine Dienste hat der Bauer einen Korb mit Eiern mitgebracht. Stilistisch ist das Bild aufgrund der Brauntonigkeit des Interieurs mit wenigen lokalfarblichen Akzenten, der Beleuchtung mit dem schrägen Lichteinfall von hinten links und der karikierenden Physiognomien in die 1630er Jahre zu datieren. Eine Datierung in die 1650er Jahre ist aus stilistischen Gründen auszuschließen. Die Datierung muss daher als 1637 gelesen werden. Das Bild ist als komische und zugleich warnende Darstellung gemeint, sich nicht durch den äußeren Anschein täuschen zu lassen und durch Leichtgläubigkeit zu Schaden zu kommen. Zahnzieher waren in der holländischen Druckgrafik und Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts ein beliebtes Thema. Bereits 1523 stach Lucas van Leyden (1494–1533) einen Kupferstich, der einen Zahnzieher und sein Opfer zeigt. Zahnbehandlungen wurden oftmals auf Jahrmärkten von vagabundierenden Quacksalbern und Badern angeboten, die keine medizinische Ausbildung hatten und mehr Schaden als Nutzen anrichteten. Sie profitierten von der Notlage der Menschen. Die Verlogenheit der Zahnzieher war in den Niederlanden sprichwörtlich.(2) Auf der Darstellung eines Zahnziehers in einer Radierung von Jan van de Velde (1593–1641) nach Willem Buytewech (1591/92–1624) steht zu lesen: „Populus vult decipi“ (Das Volk will betrogen sein).(3) Jan Both verkörperte in einer Folge von Darstellungen der Fünf Sinne den Tastsinn durch die Wiedergabe eines schmerzerfüllten Bauern mit geballten Fäusten in den Händen eines Zahnziehers (Bartsch 15).

Jan Nicolaisen

(1) Ostade brachte häufig kommentierende Zeichnungen und Grafik in seinen Darstellungen unter. Eine ähnliche Wiedergabe einer komischen Darstellung hängt z.B. am Kamin eines Wirtshausinterieurs nach Ostade, das Johannes Visscher radierte (Hollstein 16); vgl. Ausst.-Kat. Amsterdam 1997, S. 314, Nr. 65.
(2) Vgl. Ausst.-Kat. Amsterdam 1997, S. 222.
(3) Hollstein 136.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 19,1 x 24,9 (Bildmaß)

Erwerbung 1886 Schenkung von Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 655