Objektabbildung zoomen

Willem Kalf,  
Stillleben mit Schneckenhauspokal, um 1670

 

Auf einem Marmortisch, der mit einem Orientteppich zum Teil bedeckt ist, steht vor einer halbrunden Nische ein reich verzierter Schneckenhauspokal. Darunter liegen auf einem Silbertablett eine geschälte Zitrone neben einem Messer mit Achatgriff und Oliven. Im Hintergrund ragen eine Weißweinschale und eine schmale Rotweinflöte empor. Am linken Bildrand liegen, kaum erkennbar, Pfirsiche und Korallenzweige. Viele der Gegenstände funkeln im Halbdunkel, die Lichtregie des Bildes wird bestimmt durch Lichtbrechungen. Gläser und Metalle sind lediglich durch Reflexe angedeutet. Hier zeigt sich das außergewöhnliche Interesse Kalfs an optischen Phänomenen. Die unterschiedlichen Stofflichkeiten sind virtuos erfasst und zu einer stimmungsvollen Komposition arrangiert. Das gedrehte Schneckenhaus taucht bei Kalf erstmals auf diesem Prunkstillleben auf.(1) Große Südseemuscheln waren Sammelobjekte, die aus Asien oder Südamerika nach Holland gelangten. In der emblematischen Literatur wurde die Bereitschaft der Sammler kritisiert, hierfür Geld auszugeben.(2) Auch Korallen tauchen auf vielen Muschelstillleben Kalfs auf. Die Verarbeitung durch Goldschmiede erhöhte den Wert der Naturalie um ein Vielfaches. Die geschälte Zitrone, die von verschiedenen Seiten gezeigt wird, ist ein Leitmotiv der holländischen Stilllebenmalerei, bereits im Werk von Pieter Claesz. und Jan Davidsz. de Heem. Kalf widmet dem Motiv auf zahlreichen Bildern besondere Aufmerksamkeit. Das geschälte Fruchtfleisch auf dem Stillleben mit Schneckenhauspokal wirkt transparent, als wäre es von innen beleuchtet. Auf die Schale setzt Kalf durch pastose Partien ein so strahlendes Gelb, dass es vom Silbertablett reflektiert wird. Grisebach datiert das Leipziger Prunkstillleben aufgrund der Farbigkeit und der dunkeltonigen Malweise in die mittleren oder späteren 1660er Jahre.(3) Das Leuchten und Schimmern der luxuriösen Gegenstände wurde bereits von dem zeitgenössischen Dichter Jost van den Vondel (1587–1679) gepriesen. Dieser erkennt in der wiederkehrenden Motivwahl Kalfs den Ausdruck von Wohlstand und Repräsentationsbedürfnis: „Limonen, citroen en glas en schael,/Cieraat en overdaet en prael“ (Limonen, Zitronen, Glas und Schale, Schmuck, Überfluss und Pracht).(4)

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Grisebach 1974, S. 160. Die Bacchusfigur und der Pokalfuß sind nach einem 1663 datierten Prunkstillleben von Kalf wiederholt (The Cleveland Museum of Art, Leonard C. Hanna Jr. Fund, Ausst.-Kat. Amsterdam/Cleveland 1999/2000, Nr. 51).
(2) Vgl. Roemer Visscher, Sinnepoppen, Amsterdam 1614, Emblem IV: „’Tis misselijck waer een geck zijn gelt aen leyt“ (Es ist unpassend, wofür ein Narr sein Geld anlegt). Hingegen schrieb der Pfarrer und Muschelsammler F. Valentin über exotische Muscheln: „O seldsaem dierken dat so schoon paleys bewoonet!“ Vgl. Exotische Schelpen in de Noorden Zuid-Nederlandse schilderkunst van de zestiende en de zeventiende eeuw, Delft/Zwolle 2001, S. 41–76; F.G. Meijer, in: Ausst.-Kat. Rotterdam/Aachen 2006/07, S. 106.
(3) Grisebach 1974, S. 160. Stilistisch vergleichbare Stillleben befinden sich in Schwerin (1663 datiert, Staatliches Museum, Inv.-Nr. G 81) und Indianapolis (1669 datiert, Indianapolis Museum of Art, Inv.-Nr. 45.9).
(4) Zit. nach Ausst.-Kat. Amterdam/Cleveland 1999/2000, S. 218.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 52,5 x 42,8 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1034