Objektabbildung zoomen

Hendrik Cornelisz. van Vliet,  
Inneres der Alten Kirche in Delft, 1659

 

Von einem Standpunkt in der Nähe des Vierungspfeilers der Oude Kerk in Delft blickt man in die ehemalige Marienkapelle, wo der holländische Seeheld Maerten Harpertsz. Tromp (1598–1653) im September 1653 feierlich begraben wurde. Einige Besucher stehen in andächtiger Haltung vor einer kistenförmigen Konstruktion, die als provisorisches Grab.(1) Darüber hängen das Epitaph und die Fahnen Tromps. Die Kapelle ist mit farbigen Glasmalereien geschmückt.(2) Rechts im Vordergrund sitzt ein Mädchen auf einer aus dem Boden herausgehebelten Grabplatte. Vor der Darstellung hängt ein Vorhang aus grünem Samt an einer Messingstange, der den linken Rand des Kircheninterieurs verdeckt. Hendrick van Vliet zählt neben Gerard Houckgeest (1600–61) und Emanuel de Witte zur Trias der bedeutendsten Kirchenmaler in Delft um 1650. In Abgrenzung von der Vorgängergeneration erprobten die Delfter Maler um 1650 außergewöhnliche Blickwinkel und waren zugleich stärker an der realistischen Wiedergabe der Architektur interessiert. Das Bild zählt zu den Frühwerken Van Vliets, dessen Qualitäten in der stimmungsvollen Wiedergabe von Licht und Farbe von Jantzen (1910) hervorgehoben worden sind. Reizvoll sind die farbigen Glasfenster und Sonnenflecken auf Pfeilern und Wänden, die in dem breiten, lockeren Pinselduktus aufgetragen sind, der für das Frühwerk in der ersten Hälfte der 1650er Jahre typisch ist. Van Vliet weckt hier die Vorstellung eines kühlen, feuchten Gemäuers in farbigem Licht.(3) Das Trompe-l’Œil-Motiv des Vorhangs übernahm er aus wenig älteren Kircheninterieurs De Wittes und Houckgeests.(4) Der Künstler hatte auf früheren Bildern einen ähnlichen grünen Vorhang wiedergegeben, allerdings durch Lichtregie und Kolorit den Gegensatz von Vorhang und Kirchenraum stärker betont.(5) Die IRR-Aufnahme zeigt eine detaillierte und spontane Unterzeichnung, die den Vorhang ausspart. Auch Details wie die figürlichen Darstellungen der Glasmalerei sind vorgezeichnet. Bemerkenswert ist die Angabe von verschatteten Partien durch lockere Parallelschraffuren in der Unterzeichnung, denen die Malerei genau folgt. Die Vorzeichnung, die nicht lediglich der architektonischen Konstruktion dient, veranschaulicht das Interesse van Vliets am Phänomen des Lichtes.

Jan Nicolaisen

(1) Durch Transparenzerhöhung und Bereibung ist die Kiste nur noch schemenhaft zu erkennen und die daran befestigten Schriftstücke scheinen in der Luft zu schweben.
(2) A. Pollmer hat darauf hingewiesen, dass auch die Stifterfiguren auf dem Glasfenster in der Kapelle auf die Begräbnisstätte Tromps ausgerichtet sind. Vgl. Pollmer 2011, S. 332.
(3) Ein ähnliches Kircheninterieur zeigt Hendrick van Vliets 1652 datierte Ansicht der Pieterskerk in Leiden, auf dem ebenfalls ein grüner Samtvorhang erscheint (Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum).
(4) Vgl. Emanuel de Witte, Kircheninterieur der Neuen Kirche in Delft mit dem Grabmal Wilhelm des Schweigers, um 1650, Winterthur, Museum Briner und Kern; Predigt in der Alten Kirche in Delft, um 1651–52, Ottawa, The National Gallery of Canada; Gerard Houckgeest, Kircheninterieur der Alten Kirche in Delft, um 1650, Amsterdam, Rijksmuseum.
(5) Durch den Verlust der ursprünglichen Grüntöne des Vorhangs ist diese Wirkung hier verloren gegangen.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 77,7 x 70,3 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1568