Objektabbildung zoomen

Evelyn Richter,  
Selbstinszenierung, TU Dresden, 1952

 

Evelyn Richter 1930 in Bautzen geboren und 2021 im Alter von 91 Jahren in Dresden verstorben, ist durch die deutsch-deutsche Geschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts geprägt. Ihre Lebensspanne umfasst viele politische Umbrüche: Als Kind und Jugendliche erlebt sie die Jahre des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Danach die Gründung der BRD und DDR, sowie 1961 den Mauerbau und die Teilung Deutschlands. Vier Jahrzehnte lebt sie in der DDR. 1989 fotografiert sie die Friedliche Revolution und im Alter von 60 Jahren erlebt sie die Vereinigung Deutschlands.

Im Alter von 22 Jahren, nach ihrer klassischen Fotografinnenlehre bei Pan (1921–1987) und Christine (1920 –1955) Walther in Dresden-Loschwitz, hat Evelyn Richter eine Festanstellung als Fotografin an der Technischen Universität inne. In ihrem dortigen Arbeitsraum, in dem sie vor allem für die Forschenden schwer erreichbare Literatur abfotografiert und spannungsoptische Aufnahmen vergrößert, entsteht ihre spektakuläre Selbstinszenierung. Dieses Foto sticht aus Richters Selbstporträts heraus. Zum einen lässt sie sich von Helfern unterstützten, statt sich selbst im Spiegel zu fotografieren. Und zum anderen ist das Bild das Ergebnis einer aufwendigen Inszenierung: die Auftritte des Dadaisten Hugo Ball (1886–1927) oder die Figuren von Oskar Schlemmers (1888–1943) berühmtem Triadischen Ballett sind bestimmt Inspiration. Selbstbewusst setzt sich Richter in Beziehung zu den klassischen Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Richter verwendete Materialien, die sie an ihrem Arbeitsplatz fand; zu erkennen sind beispielsweise Filmdosen, Fotokartons und Objektive.

Das Foto bringt ihre Lust am Experiment zum Ausdruck und zeigt, dass sie die Fotografie auch als künstlerisches Medium versteht. Es lässt sich erahnen mit welchen Erwartungen die junge Fotografin ein Jahr später ihr Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst aufnehmen wird. Bemerkenswert ist zudem, dass ihr Bild zur Hochzeit der sogenannten Formalismusdebatte entstand: Die Staatsführung der DDR lehnte damals jede Form von Abstraktion in der Kunst als „Ausdruck des kapitalistischen Niedergangs“ ab.

Jeannette Stoschek



Das Evelyn Richter Archiv wurde am 12. November 2009 gegründet. Den Grundstock bildet das von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung erworbene Konvolut der wichtigsten Werkgruppen der Fotografin. In enger Zusammenarbeit mit Evelyn Richter wurde das Archiv bis zu ihrem Tod um Dokumente, Bücher und Fotografien erweitert. Anhand der über 1.300 Motive lässt sich ihr künstlerisches Konzept und ihre Arbeitsweise studieren. Die Arbeit des Archivs ist durch die grundlegenden musealen Aufgaben Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln bestimmt. Im Sommer 2016 erweiterte die Sparkassenstiftung das Archiv mit dem Ursula Arnold Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig um eine weitere bedeutende Stimme der dokumentarisch-künstlerischen Fotografie.

Mit der Gründung des Evelyn Richter Archivs hat die Ostdeutsche Sparkassenstiftung einen wesentlichen Impuls für die Stärkung und den Sammlungsausbau der künstlerischen Fotografie im MdbK gelegt. Als Partner des Museums hat die Stiftung außerdem in den vergangenen Jahrzehnten im Verbund mit der Sparkasse Leipzig zahlreiche Ausstellungen und Restaurierungsprojekte gefördert und ermöglicht.

Kontakt:
Dr. Jeannette Stoschek, Leiterin
+49 341 216 999 40
jeannette.stoschek@leipzig.de

Aurelia Rager, wiss. Assistenzkuratorin
+49 341 21 69 99 53
aurelia.rager@leipzig.de

https://mdbk.de/evelyn-richter-ursula-arnold-archiv/

Systematik Fotografie

Material/Technik Silbergelatineabzug

Maße 51 x 42,7 cm (Blattmaß) 45,9 x 35,6 cm (Bildmaß)

Erwerbung 2009 Dauerleihgabe der Ostdeutschen Sparkassenstiftung

Inventar-Nr. ERA 1364