Evelyn Richter Fotografin

Lebensdaten 1930 - 2021

Geburtsort Bautzen

Sterbeort Dresden

Evelyn Richter zählt zu den bedeutendsten Fotograf*innen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk wurde tief geprägt von der deutsch-deutsche Geschichte ihrer Zeit. Ihre Lebensspanne umfasst viele politische Umbrüche: Als Kind und Jugendliche erlebt sie die Jahre des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Es folgen die Gründung der BRD und DDR, sowie 1961 der Mauerbau und die Teilung Deutschlands. Vier Jahrzehnte lang lebt sie in der DDR. 1989 fotografiert sie die Friedliche Revolution und im Alter von 60 Jahren erlebt sie die Vereinigung Deutschlands. Einen beträchtlichen Teil dieser Geschichte hat sie in ihren Fotografien dokumentiert und mit den Mitteln des Mediums gedeutet.

Mit 18 Jahren beginnt sie eine Lehre als Porträtfotografin im Atelier von Pan und Christine Walther in Dresden. Dort steht die Idee im Zentrum, dass der Charakter eines Menschen in seinen Gesichtszügen voll zum Ausdruck kommt. Das wird Richter tief prägen. Auch ihr eigenes Werk widmet sie dem Menschen – allerdings nicht im isolierten Raum des Ateliers, sondern in seinem gesellschaftlichen Umfeld: bei der Arbeit, auf Reisen oder im Museum.

Nach der Lehre in Dresden schreibt sich Richter 1953 für das Studium der Fotografie an der HGB, der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, ein. Im August 1955 verlässt sie, wenn auch nicht freiwillig, die HGB. Zu spät eingereichte Unterlagen für eine Beurlaubung führen zum Hochschulausschluss. Wahrscheinlich war es eine Gemengelage von gesuchten Gründen, die aus heutiger Sicht wenig nachvollziehbar sind und vor allem die eigenwillig wie eigenständig arbeitende Fotografin einschränken sollten, was jedoch nicht gelang. Richter geht in die Freiberuflichkeit.

Um Geld zu verdienen, übernimmt sie Auftragsarbeiten für diverse Zeitschriften, Theater in Berlin und Gera und die Leipziger Messe. Nebenbei verfolgt sie jedoch von Anfang an eigene Projekte mit hohem künstlerischem Anspruch. Während ihrer ersten Reise in die Sowjetunion anlässlich der VI. Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Jahr 1957 entdeckt Evelyn Richter die Kleinbildfotografie für sich. Zudem beginnt sie mit den Langzeitprojekten „Ausstellungsbesucher“ und „Unterwegs“. Zu weiteren Werkgruppen und Motiven, die Richter während ihrer Karriere verfolgt, zählen unter anderem „Stillgehaltene Zeit“, berufstätige Frauen, Porträts und Tanz.
Bereits in den 1950er Jahren trägt Richter Fotografien zu Publikationen über Fachwerkarchitektur in Thüringen und über sorbische Trachten bei. Später verwirklicht sie im eigenen Auftrag drei umfangreiche Bücher über David Oistrach (1973), Paul Dessau (1975) und das Thema der frühkindlichen Entwicklung (1980). Für ihre Arbeit reist Richter durch die DDR, aber auch ins Ausland.

Die breite Anerkennung ihres Werks setzt im Verlauf der Siebziger Jahre ein: Jetzt wird Evelyn Richter zunehmend als herausragende Dokumentarfotografin mit einem humanistischen Menschenbild gewürdigt. Anfang der Achtziger Jahre kehrt sie als Lehrende an ihre alte Wirkungsstätte, die HGB zurück, wo sie später sogar zur Ehrenprofessorin ernannt wird und 1990 folgt ein Lehrauftrag für Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld.