Objektabbildung zoomen
 

Der Maler Johannes van Wijckersloot steht in Hausmantel und Allongeperücke hinter einer steinernen Konsole und fixiert den Betrachter mit eindringlichem Blick. In der rechten Hand präsentiert er ein Arrangement aus grün getöntem Zeichenpapier, einer brennenden Kerze und einer Brille. In der linken Hand hält der Maler einen Trommelstock zum Schlagen des Tambourins, das er dem Betrachter auf der Konsole zeigt. Auf diesem ist, als Bild im Bild, ein junger Maler an der Staffelei zu sehen. Neben dem Tambourin liegen, in komponierter Unordnung, zwei Zeichnungen auf weißem Papier, Rosenblüten und eine brennende Lunte. Im Hintergrund sind, jeweils am Bildrand, die Repliken von zwei antiken Skulpturen aufgestellt: links die Venus Medici in Rückenansicht, rechts ein dem Borghesischen Fechter nachempfundener Muskelmann, der gerade aus blauem Verpackungspapier ausgewickelt wurde. Das Bild galt bis zur Zuschreibung an Wijckersloot durch Gudlaugsson (1960) als ein Selbstbildnis Gerard ter Borchs. Aufgrund der stilistischen Nähe zu signierten Gemälden van Wijckersloots ist an Gudlaugssons Zuschreibung nicht zu zweifeln.(1) Bok und Jansen (1995) haben die Vorliebe des Künstlers für die allegorische Bildform gezeigt. Bereits Burtin (1808) erkannte in einen Diskurs über künstlerische Prinzipien. De Vries (1974) widmete dem Leipziger Bild eine ausführliche Interpretation. Er bemerkt, dass das altmodische, grüne Zeichenpapier auf den angehenden Künstler verweist, der zunächst Kopien nach alten Vorbildern anfertigt. Auf dem Tambourin scheint ein solcher Anfänger beim Anfertigen eines grotesken Porträts dargestellt zu sein. Die Leinwand, vor der er mit Palette und Pinseln in der Hand sitzt, zeigt einen Schafskopf mit Narrenkappe und einem Messer im Maul. Der Schafskopf könnte als ein Sinnbild für die Dummheit des Anfängers gemeint sein, der sich auf seine Fähigkeiten zu viel einbildet. Dieses würde mit der geckenhaften Kleidung des jungen Malers korrespondieren. Das Messer steht für die Scharfzüngigkeit der Rede. Der junge Maler fasst sich an die Nase, weil er den schwelenden Rauch riecht, der von der Lunte aufsteigt. Das Arrangement aus Kerze, Brille und Zeichenpapier deutet wahrscheinlich auf das niederländische Sprichwort „Wat baart kaars of bril, als de uil niet kijken will.“ (Was nützen Kerze und Brille, wenn die Eule nicht sehen will). Hiermit ist wohl die Unbelehrbarkeit des jungen Malers gemeint. Die Repliken nach antiken Skulpturen im Hintergrund stehen für jene Vorbilder, denen der junge Maler, betrachtet man das Schafsbild auf der Staffelei, nicht zu folgen scheint. Der Kontrast von antikem Ideal und dem Genre der Tiermalerei lässt an das Verdikt des klassizistischen Malers und Kunsttheoretikers Gerard de Lairesse gegen den Gebrauch vulgärer Sujets und falscher „genera dicendi“ durch zeitgenössische Genremaler denken.(2) Van Wijckersloot, der als Dekan der Utrechter St. Lukasgilde auch mit Ausbildungsfragen der jungen disciples beschäftigt war, kommentiert in diesem allegorischen Selbstbildnis in ironischer Form den Widerspruch zwischen dem noblem Status der Malerei und den persönlichen Schwächen der Maler. Der Vanitasgedanke ist in der Rosenblüte mit Tautropfen ausgesprochen, ähnlich wie auf einem Gemälde des Künstlers in der Sammlung Bader.(3)

Jan Nicolaisen

(1) Eine ähnlich glatte Malweise des Inkarnats und manierierte Haltung der Finger demonstrieren zwei Porträts von Van Wijckersloot in Utrecht (Porträt von W. van Velthuysen, 1665 datiert, Utrecht, Centraal Museum; Porträt von Dr. L. van Velthuysen, Utrecht, Centraal Museum, Foto: RKD).
(2) Vgl. C. Kemmer, In search of classical form: Gerard de Lairesse’s Groot schilderboek and seventeenth-century Dutch genre painting, in: Simiolus 26, Nrn. 1–2, 1998, S. 87–116, bes. S. 92–95.
(3) Johannes van Wijckersloot, Zwei Jungen mit einem Totenschädel, Milwaukee, Coll. Isabell and Alfred Bader, vgl. De Witt 2008, Nr. 198.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 114,8 x 91,8 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1565