Objektabbildung zoomen

Bartholomeus van der Helst,  
Alte Frau im Fenster, um 1665

 

Eine alte Frau lehnt sich auf einen Fensterrahmen, während sie mit ihrer linken Hand einen Fensterladen öffnet und den Betrachter auffordernd anblickt. In der rechten Hand hält sie ein Büchlein, den Daumen zwischen den geöffneten Seiten. Neben dem Buch liegt ein weißes Taschentuch. Die Frau ist in eine leuchtendrote, eng taillierte Samtjacke mit weißen Rändern aus Hermelinfell gekleidet. Ihr rosiges Gesicht wird von einem schwarzen Schleier umrahmt. Am oberen Rand des Rahmens ist ein Vorhang an einer Messingstange wiedergegeben, der durch eine Kordel hochgerafft wird. Im Hintergrund erscheint eine bergige Landschaft im Abendlicht. Die faltige Haut der alten Frau ist minutiös wiedergegeben. Auch ihre Jacke, der Ledereinband, die Buchseiten, das Leinen des Schnupftuchs und der marmorierte Rahmen sind stofflich naturgetreu erfasst. Das Bild gehört zu einer Gruppe von Tronies, die Van der Helst in den 1650er und 1660er Jahren schuf. Der Kopftypus des Leipziger Bildes erscheint mit etwas jüngeren Gesichtszügen bereits auf einem 1652 datierten Bild van der Helsts in Dresden (Junge Frau hinter einem grünen Vorhang, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister).(1) Stilistisch verwandt ist das 1665 datierte Gemälde einer Frau mit Buch van der Helsts in Dijon (Musée Magnin, Inv.-Nr. 1938 E 267 bis). Den Rahmen kann man wie einen Gemälderahmen verstehen, vor dem in Form eines Trompe-l’Œil ein Vorhang zum Schutz vor Staub hängt. J. van Gent (2011) hat das Leipziger Bild als ein bedriegertje beschrieben, das mit der Sinnestäuschung des Betrachters spielt. Eine weitere Pointe des komisch gemeinten, zugleich in virtuoser Feinmalerei vorgetragenen Meisterwerks ist die rote Jacke der alten Frau: Sie stellt einen eklatanten Verstoß gegen das Dekorum dar, weil ein solches körperbetontes Kleidungsstück jungen Frauen vorbehalten war. M. de Winkel (2001) hat zur Erklärung ihres schwarzen Schleiers einen Vers von Jacob Cats mit der Klage einer Frau über den Verlust ihrer Jugend herangezogen: „Obwohl ich stets einen Schleier oder eine Maske trage und selten nach draußen komme, verwandelt sich mein jugendliches Wesen doch in faltige Haut.“(2) Bartholomeus van der Helst gibt die alte Frau im Sinne einer Vanitasallegorie wieder, die den unerbittlichen Lauf der Zeit vor Augen führt.(3) Als führender Porträtmaler Amsterdams war der Künstler mit den Eitelkeiten seiner Auftraggeber gut vertraut. Er erlaubt sich hier einen geistreichen Scherz über die menschliche Eitelkeit und beweist gleichzeitig, was er als Maler an realistischer Wiedergabe und raffinierter Inszenierung einer Person zu leisten imstande ist.

Jan Nicolaisen

(1) Helst orientierte sich in dem Dresdener Bild eng an einem Vorbild von Jakob Backer (1608–51), nämlich dessen Frau mit schwarzem Schleier, das auf etwa 1639 datiert wird (Öl auf Leinwand, 69×60 cm, Slg. SØR Rusche).Vgl. Ausst.-Kat. Aachen/Amsterdam 2009, S. 122; Ausst.-Kat. Leipzig 2024, Nr. 42.
(2) „Want of ick schoon ak even staag, een sluijer of een maske drag, en dat ik selden buyten koom, Mijn jeugdig wesen evenwel, verandert in gerimpelt.“ Aus: Jacob Cats, Doot-kiste voor de levendige, of’Sinne-beelden uyt Godes Woordt, Amsterdam 1660, S. 472, zit. nach de Winkel 2001, S. 61, 250, Anm. 66.
(3) Weiße Taschentücher sind nach de Winkel ausschließlich auf Porträts älterer Frauen zu finden, d.h. es handelt sich wohl um ein zusätzliches Attribut ihres Alters.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 99,1 x 84,8 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1619