Objektabbildung zoomen

Hendrik van Balen,  
Die Reinigung der Kinder Israels, um 1615

 

In einer offenen Waldlandschaft sind zahlreiche, meist unbekleidete Frauen, Männer und Kinder auf Wiesen mit dem Waschen und Reinigen ihrer Körper und Kleidung beschäftigt. Im Hintergrund steht ein großes Zeltlager unterhalb eines links aufragenden Berges, auf dem Moses als kniende Figur angedeutet ist. Hinten rechts werden Wäschestücke gewalkt und auf dem Boden zum Trocknen und Bleichen ausgelegt. Dargestellt ist die Reinigung der Kinder Israels in der Wüste Sinai (2. Mose, 19,10– 15): „Und der Herr sprach zu Mose: Geh hin zum Volk und heilige sie heute und morgen, dass sie ihre Kleider waschen und bereit seien für den dritten Tag; denn am dritten Tag wird der Herr vor allem Volk herabfahren auf den Berg Sinaie. [...] Moses stieg vom Berge zum Volk herab und heiligte sie und sie wuschen ihre Kleider. Und er sprach zu ihnen: Seid bereit für den dritten Tag, und keiner rührte eine Frau an.“ Das Reinigungsritual und zweitägige Keuschheitsgebot bereitete das aus Ägypten gezogene Volk Israel auf die Verkündigung der Zehn Gebote vor. Bereits 1731 wurde das Gemälde als Reyniging der Joden bezeichnet. In den ersten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts behandelte Hendrick van Balen mehrfach Themen aus dem 2. Buch Mose in stilistisch ähnlichen Varianten.(1) Gemeinsam ist dieser Gruppe eine von Hans Rottenhammer (um 1564–1625) beeinflusste Adaption venezianischer Figurentypen.(2) Sowohl das weiche Inkarnat der Akte als auch die diagonale Erschließung des Tiefenraums sind durch Gemälde oder Zeichnungen Rottenhammers angeregt worden.(3) Durch die Konzentration der Weißpigmente auf die Akte schimmern diese Partien wie Emaille. Die Bestimmung des Bildträgers als afrikanisches Gambalaholz zeigt die Breite des Holzangebots in der Welthandelsstadt Antwerpen. Die Leipziger Tafel ist vermutlich relativ früh am oberen Rand durch ein zweites Brett ergänzt worden, um den landschaftlichen Elementen wie Himmel und Baumkronen mehr Platz einzuräumen. Fraglich erscheint die jüngst von Ertz (2008–10) erwogene Zuweisung der landschaftlichen Motive, Gerätschaften und figürlichen Hintergrundszenen an Jan Brueghel d.Ä. Die stilllebenhaften Elemente (Gerätschaften, Früchte) im Vordergrund sind weniger fein gemalt als auf gesicherten Kooperationen von van Balen und Brueghel d.Ä.(4)

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Das Wasserwunder des Mose, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, Inv.-Nr. 981; Das Wasserwunder des Mose, Verbleib unbekannt; Die Mannalese, ehem. Dessau, Schloss Luisium, Inv.-Nr. 196 (verschollen); Die Mannalese, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv.-Nr. 81; Die Mannalese, London, Christie’s, 30.4.2010, Nr. 17; vgl. Werche 2004, Bd. 1, S. 136f., Nr. A 5, 6, 8, 9 u. 10. Eine Zeichnung van Balens in Hamburg ist motivlich verwandt (Moses schlägt Wasser aus dem Felsen, Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 21670, Kat. Hamburg 2011, Nr. 45).
(2) Vgl. B. Aikema, Hans Rottenhammer und der venezianische Kanon, in: Ausst.-Kat. Lemgo/Prag 2008/09, S. 35–43; T. Fusenig, Rottenhammers Einfluss auf die Malerei, in: Ausst.-Kat. Lemgo/Prag 2008/09, S. 79–85.
(3) Vgl. Hans Rottenhammer, Taufe Christi, um 1597, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv.-Nr. 760. Hier erscheinen halb nackte Männerfiguren in ähnlichen Posen, repoussoirhaft an den Bildrand gesetzt. Außerdem findet sich das Motiv der Draperie in den Bäumen. Bereits Jost (1963, S. 114f.) hat auf den Einfluss Rottenhammers hingewiesen, von dem van Balen Werke besaß.
(4) Vgl. Allegorie des Herbstes, um 1616, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, Inv.- Nr. 13711.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 98,2 x 133,3 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1629