Objektabbildung zoomen

Emanuel de Witte,  
Der neue Fischmarkt in Amsterdam, 1679

 

Zwei Frauen und ein Junge stehen im Vordergrund an einem Stand des Amsterdamer Neuen Fischmarktes an der Haarlemer Schleuse, der 1661 eingerichtet worden war. Während die Marktfrau die ausgelegten Fische anpreist, scheint die Käuferin noch unentschlossen. Im Hintergrund erblickt man links einen Mastenwald mit vielen Segeln unterhalb des Haringpakkersturms, rechts die Kuppel der 1668 erbauten Neuen Lutherischen Kirche.(1) Im Mittelgrund ist rechts eine dicht gedrängte Menschenmenge an Markständen zu sehen. Etwas aus der Bildmitte gerückt steht, wie auf vielen Bildern des Künstlers, eine schwarz gekleidete Rückenfigur, die als eine Art Identifikationsfigur für den Betrachter dient und den Blick in den Bildraum lenkt. Wie meist, nimmt sich der Künstler auch hier Freiheiten im Umgang mit der Topografie: Er verändert den Verlauf der Singel-Gracht, die durch eine Hebebrücke in der Bildmitte sichtbar wird, und fügt am rechten Bildrand ein imaginäres Palais in die Amsterdamer Topografie ein.(2) Am linken Bildrand sind zwei Störche dargestellt, wie sie zur Beseitigung der Fischabfälle auf holländischen Fischmärkten gehalten wurden. De Witte schuf wenigstens 13 Marktbilder, unter denen der Amsterdamer Fischmarkt das populärste Motiv war, wie elf verschiedene Versionen des Themas bezeugen. Die Mehrzahl stammt aus den 1660er und 1670er Jahren.(3) Ebenso wie in den Innenräumen der Kirchen ist auf den Marktbildern das Wechselspiel aus Sonnenlicht und Schatten ein zentrales künstlerisches Thema.(4) Durch das weiße Kopftuch der Magd und den blanken Metalleimer, den sie trägt, setzt De Witte im verschatteten Vordergrund markante Akzente reflektierten Lichtes. Das optische Interesse des Künstlers an Licht und Schatten lässt sich an zahlreichen Motiven verfolgen. Da das Licht von rechts einfällt – angesichts der topografischen Situation aus Osten – scheint es sich um die Darstellung eines frühen Morgens zu handeln, passend zum Zeitpunkt des Fischmarktes. Das abwechslungsreiche Spektrum von Hell und Dunkel wird durch eine breite Skala der Blau- und Grautöne unterstützt.(5) Viele Formen erscheinen weich, fast verschwommen, um gegen die Brillanz des Sonnenlichtes zu kontrastieren.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. M. Fokkens, Beschrijvingh der wijdt-vermaarde Koop-stadt Amstelredam, Amsterdam 1664, S. 771; Kat. London 1991, Bd. 1, S. 186, Anm. 6.
(2) Vgl. die Ansicht der Haarlemer Schleuse und des Haringpakkersturms von einem anderen Standpunkt durch Meindert Hobbema (London, The National Gallery, Inv.-Nr. 6138).
(3) Die früheste Version scheint der Fischmarkt im Moskauer Puschkin Museum zu sein (von Manke „um 1662/64“ datiert), neben dem Leipziger sind zwei weitere Bilder aus den 1670er Jahren datiert (Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, 1672; Hartford, Wadsworth Atheneum, Inv.-Nr. 447, 1678). Vgl. Bode 1916, S. 161; Manke 1963, S. 124–127, Nrn. 222–231.
(4) In vielen Auktionskatalogen des 18. und 19. Jahrhunderts liest man bei Bildern von Emanuel de Witte das Merkmal „zonachtig“ (sonnig), das sein Interesse am Licht beschreibt. Mehrere Marktbilder Emanuel de Wittes trugen falsche Signaturen Pieter de Hoochs, wie Misme bemerkte. Vgl. Misme 1922, S. 148; Manke 1963, S. 34f., 53.
(5) Bode 1916, S. 161f.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 101,2 x 118,4 (Bildmaß)

Erwerbung 1886 Schenkung von Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 558