Objektabbildung zoomen

Dirck van Delen,  
Kircheninterieur mit der Darbringung im Tempel, 1643

 

Im Mittelschiff einer imaginären Kirche ist in der vorderen Bildmitte die Darbringung im Tempel nach Lukas 2,22–40 dargestellt. Maria mit dem Jesuskind ist als Rückenfigur zwischen dem greisen Hohepriester Simeon und dem alten Joseph zu erkennen. Weitere Personen, in leuchtenden Farben gekleidet, halten sich in dem hohen Kirchenraum auf, der vornehmlich in blassen Blau-, Grau- und Sandfarben wiedergegeben ist. Links neben den biblischen Figuren in tunikaartigen Umhängen geht eine junge Frau mit Kind in zeitgenössischer Kleidung.(1) Am linken Rand, leicht in den Hintergrund versetzt, sind zwei rosafarbene Sandsteinreliefs mit plastischen Darstellungen der Grablegung und Himmelfahrt Christi in einem Epitaph dargestellt. Die Delikatesse der farblich abgestuften architektonischen Formen macht das Werk zu einem der feinsten Kircheninterieurs van Delens. Entgegen früherer Lesarten ist das Bild 1643 (nicht 1623) datiert, d.h. es handelt sich nicht um eine frühe Arbeit, sondern um ein reifes Meisterwerk des Künstlers.(2) Für die Figuren in seinen Bildern kooperierte van Delen mit verschiedenen Künstlern, u. a. mit Frans Francken, Dirck Hals und Anthonie Palamedesz. Möglicherweise malte er die Figuren auf dem Leipziger Bild selbst, wie Hofstede de Groot vermutete.(3) Eine ähnliche Figur ist im Hintergrund des 1645 datierten Gemäldes Grabmal Wilhelms I. von Oranien in der Nieuwe Kerk in Delft von Van Delen zu erkennen (Rijksmuseum, Amsterdam, Inv.-Nr. SK-A-3252). Die Fantasiearchitektur ist durch Vorbilder von Hans Vredeman de Vries (1527–1607) inspiriert.

Jan Nicolaisen

(1) Hierdurch wird der Unterschied zwischen der Zeitlosigkeit der biblischen Geschichte und dem konkreten Moment eines Kirchenbesuchs in Erinnerung gerufen.
(2) Die Farbigkeit des Bildes entspricht nach Vernet dem Beginn der 1640er Jahre. Vgl. Vernet 1995, S. 30–32. Die Kleidung der jungen Frau mit Kind wurde frühestens seit den 1630er Jahren getragen. Der Vergleich mit dem 1626 datierten Palastinterieur Dirck van Delens aus der Slg. Christoph Müller zeigt in der Architektur, den Figuren und dem Farbauftrag noch eine größere Unbeholfenheit gegenüber dem Leipziger Bild. Auch A. Riether liest das Datum des Leipziger Bildes als „1643“. Vgl. Ausst.-Kat. Ulm 1996, S. 44, Nr. 16, S. 243, Anm. 11.
(3) C. Hofstede de Groot schrieb die Figuren zunächst Anthonie Palamedesz. zu, meinte aber später, sie würden von Delen selbst stammen. Vgl. Ausst.-Kat. Rotterdam 1991, S. 95, Anm. 3.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 60,1 x 78,3 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1614