Abraham van Beijeren,  
Stilleben mit Früchten und Hummer, 1660 - 1680

 

Verschiedene Motive konkurrieren um die Aufmerksamkeit: der gekochte Hummer, die geschälte Zitrone und eine einzelne Krabbe auf dem Silbertablett, die Pfirsiche und Weintrauben in der Silberschale, ein umgestürzter Römer in der chinesischen Wanli-Porzellanschale und ein fast leeres venezianisches Weinglas. Der mit Früchten und Tafelgeschirr reich gedeckte Tisch dieses Prunkstilllebens bringt Überfluss und Wohlstand zum Ausdruck. Das soziale Zurschaustellen von Reichtum durch den Überfluss an Speisen und Getränken entstammte ursprünglich dem aristokratischen Milieu. Prunkstillleben demonstrierten den Anspruch ihrer bürgerlichen Besitzer auf die Zugehörigkeit zu einer gehobenen gesellschaftlichen Klasse.(1) Ausgehend von den frühen Werken Jan Davidsz. de Heems schuf Van Beyeren seit den 1650er Jahren eine große Anzahl von Prunkstillleben, bevorzugt als Hochformat. Das früheste datierte Stillleben des Künstlers stammt aus dem Jahr 1653, hier erscheinen einzelne Motive wie der nach links gerichtete Hummer, das Silbertablett und Früchte in verwandter Form (München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. 1620). Der leuchtendrote Hummer war ein beliebtes Motiv im Werk De Heems. Van Beyeren genügt eine lockere, partiell nur andeutende Malweise, um die Vorstellung von Stofflichkeiten zu wecken (siehe die Tischdecke). Diese von De Heem abweichende Malweise ist vermutlich durch die Stillleben Willem Kalfs und dessen optischem Interesse an Andeutungen von Lichtreflexen beeinflusst.(2) Van Beyeren war wie Kalf an der stimmungsvollen Atmosphäre warm schimmernder Farben vor einem dunklen Hintergrund interessiert. Trotz eines relativ dünnen Farbauftrags suggeriert der Maler durch Nuancierungen einzelner Farben (siehe das Rot und Rosa an Hummer, Krabbe und Pfirsichen) ein reiches Tonspektrum. Der Künstler hat seine Werke nur selten datiert. Die Komposition wird in einem Prunkstillleben van Beyerens in New York annähernd wiederholt (The Metropolitan Museum of Art, Inv.-Nr. 1971.254).(3) Das Silbertablett mit Lichtreflexen taucht ähnlich auf dem 1666 datierten Frühstücksstillleben in Wien auf (Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. GG_562). Die gegenüber dem New Yorker Bild weniger flüchtige, sorgfältige Malweise des Leipziger Bildes, der intimere Bildausschnitt und der Einfluss von Stillleben Kalfs sprechen für eine spätere Entstehung, frühestens in den 1660er oder 1670er Jahren.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. A. Chong, Contained under the name of still life: the associations of still-life painting, in: Ausst.-Kat. Amsterdam/Cleveland 1999/2000, S. 18–24.
(2) Vgl. Willem Kalf, Stillleben mit Trinkhorn der Amsterdamer St. Sebastians-Schützengilde, Hummer und Gläsern, London, The National Gallery, Inv.-Nr. 6444; Stillleben mit Glaspokal und Porzellanschale mit Früchten, Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Inv.-Nr. 2503.
(3) Liedtke 2007, Bd. 1, S. 32, Nr. 7. Stilistisch dem New Yorker Bild (eher als Inv.-Nr. 990) verwandt ist das 1654 datierte Prunkstillleben van Beyerens in Rotterdam (Museum Boijmans Van Beuningen, Inv.-Nr. St. 90).

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 85,4 x 75,2 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 990