Objektabbildung zoomen

Willem Kalf,  
Bäuerliches Interieur mit Frau am Brunnen, 1642 - 1645

 

Auf dem Fußboden eines verschatteten Scheuneninterieurs ist rechts im Vordergrund ein Stillleben aus Gemüse und Haushaltsgegenständen aufgebaut, das durch von links einfallendes Sonnenlicht beleuchtet wird. Im vielfältig belebten Hintergrund steht eine Magd an einem Ziehbrunnen, während, etwas zurückgesetzt, eine alte Frau über eine hölzerne Stiege den Raum betritt. Rechts steht ein Mann inmitten einer Kuhherde, während ein anderer eine Leiter hochsteigt. Die Gemüsesorten im Vordergrund sind mit großer Detailliebe wiedergegeben. Kalf geht kleinsten Merkmalen wie den Krümmungen von Stengelformen oder den Härchenbündeln des Porrees mit größter Sorgfalt nach. Die raue oder glatte, glänzende oder stumpfe Beschaffenheit verschiedenartiger Oberflächen wie Metall, Holz und Stein sowie der vielen Lebensmittel weiß der knapp 25-jährige Maler meisterhaft wiederzugeben. Durch die lebendige Malweise wird an keiner Stelle der Eindruck von pedantischer Oberflächlichkeit geweckt. Die Bauerninterieurs gehören zum Frühwerk Kalfs und entstanden nach Grisebach zwischen 1640 und 1646 während seines Aufenthalts in Paris.(1) Grisebach zählt das Leipziger Bild im Vergleich zu den wenigen datierten Bauerninterieurs von Kalf zu dessen frühesten Bildern „vor 1642 und bis in dieses Jahr“.(2) Zahlreiche Gemüse- und andere Motive wie der Messingkessel kehren auf späteren Interieurs von Kalf wieder.(3) Das Leipziger Bild zählt zu den größten seiner 58 erhalten Bauerninterieurs. Der Bildtypus war seit den 1630er Jahren durch die Gebrüder Herman (1609–85) und Cornelis Saftleven (1607–81) sowie die Maler Sorgh und Bloot (1601/02–58) besonders in Rotterdam verbreitet, wo Kalf aufwuchs. Ikonografisch folgen diese Werke der Tradition der flämischen Marktbilder, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts u. a. von Pieter Aertsen und Joachim Beuckelaer geprägt wurde. Die Entstehung der Bildgattung in Holland steht wohl auch in Zusammenhang mit der Blüte der holländischen Agrarwirtschaft. Durch den Import von Getreide aus dem Baltikum und die Gewinnung von Neuland, in die urbane Finanziers große Summen investierten, standen mehr Flächen für den Garten- und Gemüseanbau zur Verfügung als in anderen europäischen Ländern. Zahlreiche neue Bauernhöfe wurden gegründet, deren Produkte auf den städtischen Märkten angeboten wurden. Holland exportierte Gemüse, Butter und Getreide nach England und Deutschland. Kalf stellt in dem Leipziger Bild einen wohlhabenden Hof mit mehreren Beschäftigten dar. Die Kuhherde und die reiche Produktpalette repräsentieren die Vielfalt und den Überfluss einer florierenden Agrarökonomie. Der Besen und der schimmernde Messingkessel stehen für die Sauberkeit und die ordentliche Führung des Haushaltes. Zugleich sind die Natur- und Haushaltsobjekte durch das schimmernde und differenzierte Licht zu ästhetischen Objekten nobilitiert.

Jan Nicolaisen

(1) Jüngst wurde eine spätere Ankunft Kalfs 1642 in Paris vermutet, vgl. F. Lammertse u. M. Szanto, Willem Kalf. Eine Biographie, in: Ausst.-Kat. Rotterdam/Aachen 2007, S. 11f. J. Giltaij schließt sich allerdings im gleichen Katalog der älteren Auffassung Grisebachs vom Parisaufenthalt von 1640–46 an (ebd., S. 39).
(2) Grisebach 1974, S. 67.
(3) Vgl. Grisebach 1974, S. 39, 43; Ausst.-Kat. Rotterdam/Aachen 2007, S. 44 (J. Giltaij). Siehe auch das Bild Bauern im Freien am Brunnen (Privatsammlung, Ausst.-Kat. Rotterdam/Aachen 2007, Nr. 4), das im Hintergrund die Kirche von Notre-Dame in Paris zeigt. Hier sind der Kürbis und die Zwiebeln ähnlich wiedergegeben.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 42 x 71,8 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1035