Job Berckheyde,  
Der Farbenhändler, 1660 - 1680

 

Ein alter Farbenhändler sitzt an einem Tisch am Fenster. Der Tisch ist mit einem Orientteppich und zahlreichen Heften sowie in Papieren, Spanschachteln u. a. Behältnissen aufbewahrten Farbpigmenten bedeckt. Der weißbärtige Mann mit Brille wiegt rote Farbpigmente ab. Er trägt einen altmodischen Hausmantel mit Barett und weißem Rüschenkragen. An der rückwärtigen Wand sind über einem Türrahmen ein Regal mit Büchern, ein Trinkhorn und eine Sanduhr zu sehen. In einem Nebenzimmer brennt ein Kaminfeuer unter einem Gefäß. Vor dem Fenster erkennt man ein benachbartes rotes Backsteingebäude unter blauem Himmel. Das Bild zählt zu einer überschaubaren Gruppe von Gemälden Job Berckheydes, die bestimmte Berufe zeigen. Die Mappen, aus denen gewellte Papierseiten herausschauen, sind ein vielfach verwendetes Motiv in seinem Werk.(1) Die Ausstaffierung des Farbenhändlers mit schräg aufgesetzter Mütze und Halskrause findet sich in einem 1661 datierten Quacksalber wieder.(2) Die Komposition ähnelt im räumlichen Aufbau dem 1674 datierten Selbstbildnis Berckheydes in Florenz (Uffizien). Die feine Behandlung von Texturen zeigt den Einfluss der Leidener Feinmalerei. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelten sich die Stereotypen bestimmter Berufsdarstellungen von Notaren, Geldwechslern, Geografen, Gelehrten, Alchemisten, Quacksalbern sowie Schustern, Bäckern und Metzgern. Ikonografisch selten ist die Themenwahl eines Farbenhändlers.(3) Berckheyde greift hier auf die Tradition der Gelehrten- und Alchemistenbilder zurück. Das betagte Alter des Mannes, seine lange veraltete Kleidung und die Platzierung in einem unordentlichen, mit Gerätschaften überquellenden Interieur am Fenster sowie das brennende Feuer im Hintergrund stammen aus dieser Tradition. Auch der Orientteppich, die vielen Papiere und die Versunkenheit in die Beschäftigung des Abwiegens sind hier vorgeprägt. Die gewellten Papierseiten und die Sanduhr weisen auf die Vergänglichkeit hin. Vielleicht wirft Job Berckheyde, der in der Haarlemer St. Lukasgilde führende Ämter innehatte, einen spöttischen Blick auf den Geiz der Farbenhändler, die den Preis der Pigmente bestimmten und damit indirekt den Verkaufspreis der Gemälde beeinflussten. Ebenso mag Berckheyde die Absicht verfolgt haben, den Status der Malerei durch die Präsentation der gleichsam wie Gold aufgewogenen Farbpigmente zu nobilitieren.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Musikant beim Frühstück, Staatliches Museum Schwerin, Inv.-Nr. 90; Besuch beim Notar (Amsterdam, Christie’s, 28.11.1989, Nr. 38).
(2) Paris, Drouot, 16.6.1995, Nr. 38.
(3) Vgl. Tizian, Bildnis des Alvise della Scala, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister. Ich danke Barbara John, Leipzig, für den frdl. Hinweis. Vgl. T. Weddigen u. G. J.M. Weber, Alchemie der Farben. Tizian porträtiert seinen Farbenhändler „dai colori“ della Scala, in: Ausst.-Kat. Tizian. Die Dame in Weiss, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 2010, S. 46–59.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 33,7 x 27,9 (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 988