Objektabbildung zoomen

Peter Paul Rubens,  
Das Schiffswunder der heiligen Walburga, 1610 /1611

 

Aus einer leicht erhöhten Perspektive erblickt man ein voll besetztes Boot in einem Seesturm, das ein Spielball von Wind und Wellen zu sein scheint. Vier athletische, halbnackte Männer legen sich im Vordergrund gegen die Ruder, während ein Seemann vergeblich das im Wind flatternde Segel zu bergen versucht. Im Hintergrund stützt sich der Steuermann mit den Beinen gegen die Bordwand, während andere Männer mit Gesten des Schreckens und der Verzweiflung angesichts der großen Welle dargestellt sind, die das Boot im nächsten Moment zu verschlingen droht. In der Bildmitte steht aufrecht die hl. Walburga, assistiert von einer betenden Nonne an ihrer Seite, und blickt mit erhobenen Händen zum Himmel empor, wo ein Lichtstrahl am oberen Bildrand erscheint. Dargestellt ist die legendäre Überfahrt der hl. Walburga von England zum Festland nach der „Walburgenvita“ des Philipp von Rathsamhausen (gest. 1322), die das Schiff während der Überfahrt durch ihr Gebet aus einem Sturm errettete. Die Vita erschien 1601–04 gedruckt in den „Lectiones Antiquae“ des Heinrich Cansius in Ingolstadt und dürfte bald nach Antwerpen gelangt sein. Das Bild war die linke von drei Predellentafeln des Hochaltars der St. Walburgenkirche in Antwerpen mit dem Triptychon der Kreuzaufrichtung (heute Antwerpen, Kathedrale), für den Rubens im Juni 1610 den Auftrag erhielt. Die Bilder für den Hochaltar wurden bis zum Sommer 1611 für das stolze Honorar von 2600 Gulden ausgeführt. Das Predellenbild unterstrich den Status der Patronatsheiligen. Rubens verarbeitet eine Vielzahl ikonografischer Anregungen, die von den Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle, Darstellungen von Seestürmen in der italienischen Malerei (Giorgione, Palma Vecchio) bis zur Druckgrafik nach Maerten de Vos (1532–1603) reichen.(1) Auch eine Auseinandersetzung mit Leonardo da Vincis Sintflutzeichnungen ist vermutet worden. Das Motiv des tosenden Seesturms hatte Rubens bereits in dem um 1604/05 datierten Gemälde Hero und Leander (New Haven, Connecticut, Yale University Art Gallery, Inv.-Nr. 1962.25) behandelt. In einem größeren Gemälde in Dresden (Christus auf dem See Genezareth), das von Judson in die gleiche Zeit datiert wird, sind die Komposition und viele Figuren vorgebildet.(2) Heiland (1969) hat die Provenienz vom Verkauf der Predellenbilder 1737 bis in die Sternburg-Sammlung belegen können. Wahrscheinlich ist das Predellenbild erst nach der Fertigstellung der Mitteltafel des Hochaltars im ersten Halbjahr 1611 entstanden, weil es sich kompositionell stark auf dieses bezieht. Die muskulösen Figuren der Ruderknechte wiederholen die Posen der Schergen auf dem Mittelbild der Kreuzaufrichtung.(3) Sie sind damit nicht nur ein Element der Bilderzählung der Predellentafel, sondern der expressiven Gesamtdramaturgie des Hochaltars. Die künstlerische Qualität der Ausführung ist vor allem in den kleinen, etwas schematischen Köpfen des Mittel- und Hintergrundes sowie in der Wiedergabe der stürmischen See uneinheitlich. Das Bild dürfte unter der Mitwirkung von Werkstattkräften entstanden sein, was angesichts des untergeordneten Bildformats (die Mitteltafel mit der Kreuzaufrichtung misst 460 × 150 cm) nicht erstaunt. Der lebendige Pinselduktus, das brillante Kolorit (siehe die rote Fischermütze) und die kontrastreiche Lichtregie im Inkarnat der Ruderer im Vordergrund zeigen die meisterliche Handschrift von Rubens, der die Szene durch die Darstellung höchster Kraftanstrengung dramatisiert.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Judson 2000, S. 118; Heinen 2004, S. 211. Zu den italienischen Vorbildern vgl. auch Heinen 1996, S. 291, Anm. 123.
(2) Öl auf Holz, 99,5 × 141 cm, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister, Inv.-Nr. 1001; vgl. Mayer-Meintschel (1977), S. 34.
(3) Die eindrucksvolle Rückenfigur des Ruderers am rechten Bildrand des Leipziger Bildes kehrt auf einer Studie von Rubens zum Mittelbild ähnlich wieder (Oxford, Ashmolean Museum). Vgl. Judson 2000, Nr. 20 h, Abb. 72.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Eichenholz

Maße 70,5 x 98,5 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1589