Objektabbildung zoomen

Jan Lievens,  
Die Hütte am Meer, 1640er Jahre

 

Zwischen einem Waldstück und einer Fischerkate am Dünenrand erblickt man das Meer, das unter hohen Wolken im Sonnenschein leuchtet. Auf einem Pfad am linken Bildrand gehen ein Mann und eine Frau, im Gestrüpp weiden Schafe. Etwas zurückgesetzt ist im Strandwald eine Hütte auszumachen. Am Horizont erscheinen zwei Segelschiffe, die unter den geballten Wolkenformen winzig wirken. Der lebhafte Pinselduktus des Künstlers ist vor allem in den Wolken gut erkennbar. Die Farbigkeit wird durch leuchtende Blautöne im Himmel und Meer, das Weiß in den Wolken und Dünen sowie das Ockerbraun des Hauses und das Grünschwarz des Waldes bestimmt. Die Kühnheit der Komposition besteht in der rigorosen Teilung des Bildes in zwei diagonale Hälften, von denen eine durch Dickicht eingenommen wird. Lievens interessiert sich besonders für die Wiedergabe der vielen knorrigen Zweige und Äste mit gekrümmten Baumformen. Im Kontrast dazu stehen die monumentalen, weich gerundeten Wolkenformationen. Auch die Lichtregie betont den abrupten Gegensatz von dunklem Vordergrund und hellem Hintergrund. Die Fischerkate und Staffagefiguren treten gegenüber der Schilderung urwüchsiger Naturformen an den Rand. Landschaften sind im Œuvre von Lievens in der Minderzahl. Nach seiner Übersiedlung nach Antwerpen (1635) spiegeln die Landschaften das Vorbild der Malerei von Peter Paul Rubens und Adriaen Brouwer wider, den Lievens persönlich kannte und um 1635/37 porträtierte.(1) Vor allem dessen pastose, schnelle Malweise mit sichtbarem Pinselduktus prägte seine Landschaftsmalerei. So lässt sich das Leipziger Bild hinsichtlich Kolorit, Malweise und Komposition mit Gemälden Brouwers aus den 1630er Jahren vergleichen.(2) Die Hütte am Meer gehört zu einer Gruppe von stilistisch ähnlichen, meist kleinformatigen, auf Holz gemalten Landschaften Lievens’, die in die 1640er Jahre datiert werden.(3) Stilistisch verwandt sind eine Dünenlandschaft mit Bäumen (Rotterdam, Museum Boijmans van Beuningen), die Landschaft mit Kopfweiden (Paris, Fondation Lugt) und eine Abendlandschaft in Berlin (Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Kat.-Nr. 816).(4) Alle vier Bilder zeigen eine regelrechte Verriegelung des Bildraums durch eine dichte Baumreihe und eine lockere, fast skizzenhafte Malweise mit tupfender Setzung von hellen Lichtern in pastosem Farbauftrag.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Ausst.-Kat. Washington/Milwaukee/Amsterdam 2009, S. 241, Nr. 102.
(2) Adriaen Brouwer, Landschaft mit Kugelspielern, Berlin, SMB, Gemäldegalerie, Kat.-Nr. 853J; Dünenlandschaft im Mondschein, Berlin, SMB, Gemäldegalerie, Kat.-Nr. 853B. Aufgrund der stilistischen Nähe zu Brouwer war das Werk, wie zahlreiche Landschaften von Lievens, diesem lange (bis 1932) zugeschrieben.
(3) Vgl. Schneider/Ekkart 1973, S. 61. Da Lievens keine Landschaft datierte, ist eine annähernde Chronologie nur stilistisch und durch dendrochronologische Untersuchungen möglich.
(4) Vgl. Schneider/Ekkart 1973, S. 61; Ausst.-Kat. Washington/Milwaukee/Amsterdam 2008/9, Nr. 42–43 sowie S. 15, Abb. 16. Das Rotterdamer Bild ist dendrochronologisch auf „ab 1643/45“, das Berliner Bild auf „ab 1648/50“ zu datieren. Frdl. Mitteilung von Prof. Peter Klein, Hamburg, vom 1.3.2010.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 38,4 x 41,2 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 994