Nicolaus Knüpfer,  
Sophonisbe empfängt den Giftbecher, 1640er Jahre

 

Knüpfer stellt den dramatischen Höhepunkt der Tragödie um die Karthagerin Sophonisbe während des 2. Punischen Krieges dar, die sich mit einem giftigen Trank selbst tötet, um nicht in die Hände des römischen Feldherrn Scipio zu geraten (nach Livius XXX, 15). Sophonisbe hatte ihren ersten Mann, den Prinzen Syphax, gegen die Römer aufgebracht. Nachdem er von Masinissa, der mit den Römern paktierte, gefangen genommen worden war, forderte Scipio die Auslieferung des Prinzen und Sophonisbes. Masinissa erliegt jedoch ihrer Schönheit und heiratet sie selbst. Daraufhin rät ihm Scipio, seiner Frau Gift zu schicken, um sie nicht ausliefern zu müssen. Masinissa schickt ihr einen Boten mit dem Gift und der Aufforderung, den Freitod zu wählen. Knüpfer verlegt das Geschehen in ein vornehmes zeitgenössisches Interieur mit Wandteppichen, Bodenfliesen, Spiegel und großem Bett. Auf einem Tisch liegt kostbarer Perlenschmuck. In der Bildmitte steht die totenblasse Sophonisbe vor ihrem Bett, die soeben das Gift getrunken hat und in sich zusammensinkt. Drei Kammerzofen stützen sie, mit pathetischen Gesten ihr Unglück beklagend. Ein junger Mann mit Brustharnisch, Scherpe und gezogenem Hut, der Bote, hat den Raum soeben betreten. In der Bildmitte wird ein handschriftlicher Brief präsentiert, der, wie Sophonisbe, durch die Lichtregie hervorgehoben ist. Das Inkarnat der Heldin leuchtet zwischem dem warmen Goldgelb ihres Kleids und dem Goldbraun der Wandteppiche im Hintergrund. Die Figuren dienen durch ihre exaltierte Körpersprache und Physiognomien als emotionale Ausdrucksträger. Sie sind durch Farbe, Licht und fließende Bewegung in eine dramatisch zugespitzte Szene eingebunden. Die Theatralik der Figuren, der bühnenhafte Auftritt des Boten und die dramatische Zuspitzung der Handlung legen eine Beeinflussung durch das zeitgenössische Drama nahe. Der Sophonisbe-Stoff wurde in mehreren Tragödien in holländischer Sprache in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts behandelt und aufgeführt.(1) Ein gemeinsames Motiv von Bild und Theaterstücken ist der Brief Masinissas, der im fünften Akt eine Schlüsselrolle spielt. Der Brief und ihre Reaktion veranschaulichen die Fügung Sophonisbes unter die Macht des Schicksals und ihre Liebe zu Masinissa. Während der Brief in Jacob Cats’ Behandlung des Sophonisbe-Stoffes im „Trou-ringh“ (1637) nicht vorkommt, spielt er in den Theaterstücken eine wichtige Rolle. Das Sophonisbe-Stück Willem van Nieuwlandts (1635/39) kulminiert in einem Monolog Sophonisbes, die den Brief rezitiert und durch das allmählich wirkende Gift mit Worten der Liebe zu ihrem Mann und ihrem Vaterland auf den Lippen stirbt. In keiner weiteren Sophonisbe-Darstellung der holländischen Malerei ist der Brief so prominent inszeniert wie bei Knüpfer.(2) Bei Cats dient die aufopfernde Liebe der Sophonisbe als Sinnbild für eheliche Treue, aber auch für die gefährlichen Konsequenzen der Liebe. Der Künstler gab das Thema in zwei weiteren Bildern wieder.(3) Knüpfer schuf ein Meisterwerk erzählender, kleinformatiger Historienmalerei.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl Govert van der Eembt, Treur-spel Sophonisba: gespeelt by de Oude Kamer binnen Amsterdam, 1620/21; Willem van Nieulandt, Sophonisba Aphricana, Amsterdam 1635/39.
(2) Vgl. P.C. Sutton, in: Ausst.-Kat. Dublin/Greenwich 2003/04, Nr. 27. Pieter Lastmann behandelte das Thema mehrfach, u. a. in einer verschollenen Zeichnung, vgl. A. Golahny, A Sophonisba by Pieter Lastman? In: Montias 2006, S. 173–181.
(3) Kazan, National Museum, Inv.-Nr. 449; England, Privatbesitz; Saxton 2005, S. 158f., Nrn. 68, 70.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 53,3 x 81,2 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1929 Erwerbung von der Galerie van Diemen, Berlin, mit Mitteln von der Fritz von Harck Stiftung, Leipzig, und von einer Privatperson

Inventar-Nr. G 1202