Objektabbildung zoomen

Jan Davidsz. de Heem,  
Vanitasstilleben, 1628

 

Auf einer Tischplatte vor einer kahlen Wand liegen ungeordnet zahlreiche Bücher in Ledereinbänden, die durch gewellte Buchdeckel und zerknickte Seiten Gebrauchsspuren zeigen. In der Mitte ist ein Buch geöffnet, auf dem ein Totenschädel liegt. Daneben ragt ein Oberschenkelknochen hervor. Die glatt verstrichenen Farben sind weitgehend auf Brauntöne beschränkt, die jedoch nuancenreich abgestuft sind. Die Beschaffenheit der verschiedenen Papiere, Beschriftungen und Ledereinbände wird damit äußerst fein und täuschend echt charakterisiert. Die Lichtkanten der Buchseiten sind mit dem Pinselstiel aus der frischen Farbe herausgekratzt.(1) Den Totenschädel malt de Heem mit pastoser Farbe, um ihn dreidimensional wirken zu lassen. Durch den seitlichen Lichteinfall werden der Totenschädel und einzelne Buchseiten dramatisch beleuchtet. Auf einer Buchseite, die herausgerissen über die Tischkante ragt, stehen die Worte „NOTA BENE“ (Merke wohl). Das Gemälde ist das herausragende Beispiel einer Gruppe von monochromen Vanitasbildern mit Büchern, die Jan Davidsz. de Heem 1628 und 1629 schuf.(2) Aus dem gleichen Jahr stammt ein Interieur de Heems, das einen jungen Mann, vielleicht einen Studenten, an einem Tisch mit zerlesenen Büchern zeigt.(3) Als Vorläufer für den Typus des Vanitasstilllebens mit Büchern gilt Jacques de Gheyn II. (1565–1629), der 1621 ein Bücherstillleben mit Totenkopf malte.(4) Da der Stiefvater De Heems mit Büchern handelte, dürften dem Künstler Bücherstapel von Hause aus ein vertrauter Anblick gewesen sein.(5) In der Universitätsstadt Leiden mit Antiquaren und einer akademischen Bevölkerungsschicht stießen Bücherstillleben vielleicht auf ein besonderes Interesse. Das Thema wurde jedoch auch in Haarlem behandelt, wo Pieter Claesz. bereits 1627 ein Vanitasstillleben mit Büchern schuf.(6) Zwei weitere Vanitasstillleben mit Büchern von Pieter Claesz. entstanden 1628, von denen das Bild in New York eine motivliche Nähe zu De Heems Werk zeigt.(7) Durch den Totenschädel, dessen Zähne auf den Büchern des Leipziger Bildes den nagenden Zahn der Zeit drastisch veranschaulichen, wird die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens zum Ausdruck gebracht. Eine Kopie des Bildes befindet sich in Caen (Musée des Beaux-Arts de Caen, Inv.-Nr. 87.5.I).

Jan Nicolaisen

(1) De Heem wendete diese Technik auf einem weiteren Bücherstillleben in Den Haag an (siehe Anm. 2). Rembrandt und Lievens arbeiteten zur gleichen Zeit in Leiden mit der gleichen Ritztechnik. Vgl. S. Segal, in: Ausst.-Kat. Utrecht/ Braunschweig 1991, S. 125.
(2) Vgl. die Bücherstillleben in Den Haag, Mauritshuis, Inv.-Nr. 613, sowie im Kunsthandel (1996 bei R. Noortman, Maastricht), beide 1628 datiert. Nach S. Segal entstanden 1628/29 wenigstens fünf Bücherstillleben. Vgl. Ausst.-Kat. Utrecht/ Braunschweig 1991, S. 23. Weitere Beispiele in Willigen/Meijer 2003, S. 106.
(3) Oxford, Ashmolean Museum of Art and Archeology, Inv.-Nr. WA 1940.2.34.
(4) Vgl. Ausst.-Kat. Utrecht/Braunschweig 1991, S. 22, Abb. 3.
(5) Vgl. ebd., S. 21.
(6) Den Haag, Mauritshuis, Inv.-Nr. 947.
(7) Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. 1409; New York, The Metropolitan Museum of Art, Inv.- Nr. 49.107. Vgl. Ausst.-Kat. Haarlem/Zürich/Washington 2004/06, Nr. 17–18.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 33,8 x 40,6 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1022