Objektabbildung zoomen

Jan Davidsz. de Heem,  
Blumenstrauß, um 1675

 

Ein prachtvolles Blumenbouquet entfaltet sich vor einer halbrunden Nische in einer bauchigen Glasvase, die auf einer graurosa marmorierten Plinthe steht. Neben den voll erblühten Tulpen, Rosen und Päonien bereichern Erbsen, Kornähren und kleinere Früchte wie Kirschen, Brombeeren und Aprikosen das Formen- und Farbenspektrum. Wie oft im Werk de Heems werden mit dem dunklen Blau von Winden reizvolle farbliche Akzente gesetzt. Im Unterschied zu seinem Blumenstück (Verlinkung?) verleiht die Malweise hier den Blüten, Blättern, Früchten und selbst den Insekten mehr Weichheit und nuancenreichere Tiefe.(1) Der modellierende Pinselduktus ist lockerer und malerischer als im Vergleichsstück, die Lichtkontraste sind weniger scharf ausgeprägt. Einige Motive, z.B. die geflammte, waagerecht stehende Tulpe jeweils oben rechts, kehren auf beiden Bildern ähnlich wieder und dürften auf die gleichen Zeichnungen zurückgehen. Die Komposition wird von weißen Lilienblüten bekrönt, die in der altniederländischen Malerei den Darstellungen der Verkündigung als Sinnbild der Reinheit Marias beigegeben waren. Auch hier ist eine religiöse Bedeutung anzunehmen, weil auf einem Medaillon auf dem Glas ein Engel wiedergegeben ist. Daneben ist das Spiegelbild eines bewölkten Himmels vor dem Fenster zu sehen. De Heem widmete dem Phänomen der Reflexion besondere Aufmerksamkeit: Neben dem Medaillon entdeckt man auf der Glasvase die Spiegelung eines pausbäckigen jungen Malers an der Staffelei. Der Künstler gibt hiermit in halbversteckter Form einen Hinweis auf die Autorschaft des Bildes. Während die Pflanzen, Früchte und Insekten ein Teil der göttlichen Schöpfung sind, ist ihre Wiedergabe eine Schöpfung des Künstlers. Das Motiv dient als eine rhetorische Geste der Bescheidenheit inmitten des virtuosen Realismus der Darstellung der Blumen: Der Künstler kann der Pracht und Schönheit der von Gott erschaffenen Natur zwar in einer möglichst naturgetreuen Wiedergabe nacheifern, sie jedoch nur als illusionistisches Bild wiederholen.(2)

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. dazu Ausst.-Kat. Antwerpen 2024, S. 96/ S. 165.
(2) Zur Spiegelung des Künstlers auf dem Glas vgl. bereits Clara Peeters, Käsestillleben mit Brezeln, um 1612/15 (Privatbesitz), mit Reflexion des Gesichts der Künstlerin auf dem Zinndeckel einer Kanne. Peeters hat sich drei weitere Male auf diese Weise im Spiegelbild integriert. Vgl. dazu Ausst.-Kat. Amsterdam/Cleveland 1999/2000, S. 129. Auch Abraham van Beyeren malte sein Selbstbildnis an der Staffelei auf einem vergoldeten Buckelpokal eines Prunkstilllebens in Cleveland (vgl. ebd., S. 239, Nr. 59). Vgl. auch C. Brusati, Stilled Lives: Self-portraiture and self-reflection in seventeenth-century Netherlandish still-life painting, in: Simioulus 20, 1990/91, S. 168–18.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 82,4 x 69,7 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1886 Schenkung von Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 653