Objektabbildung zoomen

Aelbert Jacobsz. Cuyp,  
Ansicht von Dordrecht, um 1647

 

Von einem flachen Ufer blickt man aus nördlicher Richtung über die breite Maas auf die Silhouette von Dordrecht. Im Vordergrund sind die Rückenfiguren eines sitzenden Anglers und stehenden Soldaten mit Degen zu sehen. Auf dem Fluss segelt eine voll besetzte Passagierfähre. Rechts im Bild erhebt sich die mittelalterliche Grote Kerk, hinter den vorspringenden Bastionsmauern ist die Bebauung der Stadt mit hohen Packhäusern am Hafen zu erkennen. Bode erwarb das bis dato Jan van Goyen zugeschriebene Bild 1892 in London für Alfred Thieme und publizierte es 1900 als ein Werk Aelbert Cuyps. In der brauntonigen Färbung zeigt sich noch der Einfluss van Goyens. Allerdings ist zu erkennen, dass Cuyp das Stadtbild mit rosa und hellgelben Farbtönen aufhellt, um Sonnenschein zu suggerieren. Auf dem Fluss deuten pastose weiße Akzente das Licht auf dem gekräuselten Wasser an. Das Stadtarchitektur sowie größere Schiffe und Boote sind akribisch unterzeichnet, wie die IRR-Aufnahme zeigt. J.G. van Gelder und I. Joost (1972) stellten die These auf, dass das Leipziger Gemälde die rechte Hälfte einer größeren Ansicht von Dordrecht sei, deren linke Hälfte sich in Los Angeles befände (Öl auf Holz, 49,5 × 76,2 cm; County Museum of Art, Inv.-Nr. 50.43). Das Bild in Los Angeles stellt einen Blick aus nördlicher Richtung über die Maas auf Dordrecht dar und lässt sich als die Fortsetzung des hier gezeigten Stadtbildes lesen. Als Beleg für die Annahme dient eine 1759 datierte Zeichnung von Aert Schoumann (1710–92), die beide Bildhälften in einer Komposition zeigt und laut Inschrift ein 1647 datiertes Bild von Cuyp wiedergibt.(1) Chong (1992) bezweifelte die Schlussfolgerung wegen des bei einer Zusammengehörigkeit beider Tafeln außergewöhnlichen Formats von 99,6× 161,5 cm. Für das schmale Querformat gibt es allerdings extremere Beispiele im Werk Cuyps.(2) Der Vergleich der Röntgenaufnahmen beider Bilder demonstriert weitgehende Übereinstimmungen hinsichtlich der Bildträger(3), Motive, Komposition und Malweise.(4) Die jeweiligen Ansatzpunkte auf beiden Tafeln scheinen genau zueinander zu passen. Im Detail zeigen sich auf der Landzunge im Vordergrund exakte Korrespondenzen von Gräsern und Bodenwellen. Es ist daher anzunehmen, dass beide Bilder ursprünglich zusammengehörten und erst nach 1759 getrennt wurden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden Bilder von Cuyp, der zu Lebzeiten außerhalb Dordrechts kaum gesammelt wurde, populär und erzielten hohe Preise auf dem europäischen Kunstmarkt.(5)

Jan Nicolaisen

(1) Dordrechts Museum, Inv.-Nr. DM/984/T836, vgl. Ausst.-Kat. Dordrecht 2000, S. 102 (F. J. Duparc). Vgl. van Gelder u. Jost 1972, Abb. 3. Die diesbezügliche Beschriftung auf der Zeichnung von 1759 lautet: „A.CuyP. pinx.1647.“
(2) Vgl. Ansicht Dordrechts von Norden, 68,5 × 190 cm, Ascott, The Anthony de Rothschild Coll.; Ausst.-Kat. Washington/ London/Amsterdam 2001/02, S. 204, Nr. 35, siehe hierzu auch Reiss 1975, S. 137.
(3) Die horizontale Brettfuge unter der Malschicht verläuft auf exakt einer Linie auf beiden Holztafeln.
(4) Ich danke Amy Walsh, The Los Angeles County Museum of Art, für die Bereitstellung der Röntgenaufnahmen.
(5) Vgl. Chong, in: Turner 1996, Bd. 8, S. 298.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 51,4 x 86,1 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1001