Objektabbildung zoomen

Franziska Holstein,  
o. T. (3/18 DHV)_2021 / o. T. (4/18 DHV)_2021, 2021 Zwei Bildfelder einer 18-teiligen Serie

 

Die Leipziger Malerin Franziska Holstein erstellt häufig Arbeiten, die als Sequenz mehrerer Einzelbilder angelegt sind. Das gilt auch für die beiden wandfüllenden rechteckigen Felder, die Holstein im neuen Veranstaltungsraum des MdbK ausgeführt hat. Während an drei Wänden dieses Raumes Schallschutzelemente und Veranstaltungstechnik untergebracht sind, blieb die vierte frei. Diese Wand wird mittig von einer Tür durchbrochen, zu deren Seiten sich jeweils eine 3,5 x 5 Meter große Wandfläche ergibt. Damit waren die Flächen für Holsteins Werk vorgegeben.

Die beiden Sequenzen tragen keinen eigentlichen Titel. Ihre Motivik entstammt einer Siebdruck-Serie, die die Künstlerin 2021 geschaffen hat. Es handelt sich um die Nummern 3 (linker Hand) und 4 (rechter Hand) einer 18teiligen Folge. Die gesamte Serie ist mit der römischen Ziffer I bezeichnet. Es folgten später noch zwei weitere, ebenfalls 18teilige Siebdruck-Serien, die diese Komposition variieren und in 2022 (II.) respektive 2023 (III.) entstanden sind.

Jedes Einzelbild dieser Serien ist ferner durch bis zu drei Buchstaben qualifiziert, die der Systematik des Bildaufbaus entsprechen: D(iagonal), H(orizontal) und V(ertikal). Ist ein Bildfeld etwa durch eine horizontale und vertikale Linearität gerastert, lautet sein Zusatz „HV“.

Die beiden Wandfelder des Vortragssaals sind jeweils durch alle drei Buchstaben bezeichnet, sie sind also diagonal, horizontal und vertikal unterteilt. Daraus ergibt sich ein komplexes Zusammenspiel von hellblauen und weißen Oberflächen. Jenseits der Einbindung in die Gesamtsequenz, stellen beide Werke die Frage, welche Farbe eigentlich flächenmäßig dominiert? Anders gefragt: ergeben sich die Formen durch Weglassen oder Hinzufügen? Sehen wir Blau auf Weiß oder Weiß auf Blau?

Die Formatentsprechung zwischen beiden Bildfeldern stimuliert sodann dazu, das zugrundeliegende System zu ergründen. Wie hängen beide Felder zusammen? Oder, erneut anders gefragt: Was ist von der Nr. 3 zur Nr. 4 formal geschehen? Auch hierauf lässt sich die Antwort nicht ersehen. Tatsächlich scheint es so, als wären die einzelnen Diagonalen identisch und von links nach rechts übertragen, zugleich kommt es aber auf der horizontalen und vertikalen Achse zu Verschiebungen der Formen. So erscheinen beide Bildfelder jeweils formal völlig anders, sind aber im selben Moment eindeutig miteinander verbunden.

Diese Wandgestaltung zieht ihren Reiz aus der minimalistischen Gliederung – die vertikale, diagonale und horizontale Einteilung, mit den sich daraus ergebenden, zweifarbigen Formen – sowie der formalen Komplexität, die ihrerseits auf subtile Weise die Grenzen der Wahrnehmung auslotet. Aus der Zuspitzung der bildnerischen Mittel – drei Linien, zwei Farben – ergibt sich eine Parallele zur Schrift. Dabei entziehen sich Holsteins „Zeichen“ allerdings einer weiteren Sinnebene, jeder der Semantik, also der präzisen Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung. Damit bleibt die Aufmerksamkeit auf künstlerische Qualitäten und Entscheidungen konzentriert, die den einzelnen Sequenzen, insbesondere in der Gestalt monumentaler Wandarbeiten, ihre ästhetische Wirkung geben: die Präzision der Ausführung etwa, sodass sich blaue und weiße Flächen gegenseitig steigern. Mit genauerem Hinsehen ergeben sich einzelne Details, bei denen es geradezu spannungsvoll anmutet, wie sich Farben und Formen berühren und mitunter zu durchdringen scheinen.
So ist schließlich das Wechselspiel von „Farbe als Form“ und „Form als Farbe“ das eigentliche Ereignis und Thema dieser Bilder und der ihnen zugrundliegenden Serie.

Stefan Weppelmann

Systematik Konzeptkunst

Material/Technik Wandmalerei basierend auf Vektorgrafik auf USB-Stick

Maße jeweils 350 x 500 cm in der Realisierung MdbK UG (Bildmaß)

Erwerbung 2024 Schenkung von Johann Georg Ültzen, Wiesbaden