Objektabbildung zoomen

Jan van de Cappelle,  
Winterlandschaft, um 1653

 

Am Ufer eines zugefrorenen Flusses, über den links eine niedrige Brücke führt, liegt zwischen kahlen Bäumen mit ausladenden Ästen ein Dorf unter verschneiten Strohdächern. Ein alter Mann trägt ein schweres Fass über das Eis, während ein anderer über die Brücke läuft. Am Ufer neben ihm ist ein eingefrorenes Segelboot zu sehen. Im Vordergrund sind verschneite Baumstämme und ein zerborstener Korb zum Fischfang neben Schilfhalmen wiedergegeben. Zwischen den Bäumen am rechten Bildrand schimmert das rötliche Licht der untergehenden Sonne hervor. Von dem als Marinemaler bekannten Jan van de Cappelle sind heute knapp 20 Winterlandschaften überliefert, die zwischen 1652 und 1654 datiert sind.(1) Van de Cappelle wiederholte gewisse Elemente der Kompositionen mehrfach. So zeigt das Leipziger Bild in dem Entwurf, der Motivwahl (die niedrige Brücke, der kahle Baum im Mittelgrund) und der Wiedergabe von Schnee auf Gräsern, Bäumen und Eis weitgehende Ähnlichkeiten mit einer 1653 datierten Winterlandschaft in Den Haag (Mauritshuis, Inv.-Nr. 567) sowie der von Russel ebenfalls um 1653 datierten Winterlandschaft in Paris (Fondation Custodia, Inv.-Nr. 528).(2) Die niedrige Brücke ist ein wiederkehrendes Leitmotiv der Winterlandschaften van de Cappelles, das auch in Zeichnungen erscheint.(3) Ein ähnliches Kolorit mit silbrig grauen und orangebraunen Farben, die das fahle Licht eines winterlichen Spätnachmittags bei bewölktem Himmel wiedergeben, zeigt eine Winterliche Flusslandschaft in Enschede (Rijksmuseum Twenthe). Diese stilistischen Verwandtschaften sprechen für eine Datierung des Leipziger Bildes um 1653. Die Winterlandschaften Jan van de Cappelles schildern im Unterschied zu den früheren Bildern Hendrick Avercamps (1585–1634) oder Esaias van de Veldes nicht das fröhliche Freizeitvergnügen von Kolfspielern auf dem Eis. Vielmehr vermitteln sie meisterhaft den Eindruck klirrender Kälte an düsteren Winternachmittagen. Wie Russel (1975, S. 31) bemerkt, haben die Winterlandschaften Aert van der Neers den Künstler sicher beeinflusst, aber er verzichtet auf dessen Figurenreichtum. Durch sein differenziertes Gespür für die stimmungsvolle Atmosphäre der winterlichen Dämmerung zeigt van de Cappelle eine Nähe zu den Winterlandschaften Jacob van Ruisdaels (vgl. Kat.-Nr. 289).

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. M. Russel, in: Turner 1996, Bd. 5, S. 683. Russel verweist auf eine frühere, mutmaßlich 1644 datierte Winterlandschaft, die nicht nachzuweisen ist (HdG Nr. 159).
(2) M. Russel, in: Turner 1996 (wie Anm. 1).
(3) Paris, Fondation Custodia, Inv.-Nr. 2344; Berlin, SMB, Kupferstichkabinett, KdZ Nr. 2425; Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 21790.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 33,2 x 43 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 997