Objektabbildung zoomen

Wolfgang Mattheuer,  
Hinter den sieben Bergen, 1973

 

Neben dem tagtäglichen Leben mit der innerdeutschen Grenze in der DDR sind es insbesondere die Ereignisse um den Prager Frühling, aber auch der Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Wolfgang Mattheuers intensivere Beschäftigung mit dem Thema Freiheit zur Folge haben. Diese Auseinandersetzung mündet zunächst in dem Gedicht „Hinter den 7 Bergen“ (1968). In den folgenden Jahren widmet sich Mattheuer dem Freiheitsgedanken, den damit verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen auch in mehreren Gemälden, darunter befindet sich „Hinter den sieben Bergen“ (1973, MdbK). Es gilt als Schlüsselwerk im Œuvre des Künstlers.

Im Zentrum des Gemäldes steht die Personifikation der Freiheit, die Mattheuer als am Horizont schwebende Göttin mit bunten Luftballons in der einen und einem Blumenstrauß in der anderen Hand darstellt. Er bezieht sich dabei auf das Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ („Die Freiheit führt das Volk“, 1830, Musée du Louvre, Paris) des französischen Malers Eugène Delacroix (1798–1863). Delacroix verortet die Liberté in Paris, wo 1830 die Julirevolution tobt. Die "Freiheit" schwenkt die Tricolore und fordert das Volk auf ihr zu folgen. Mattheuer hingegen lässt auf die Göttin eine breite, von Autos und Motorädern befahrene Straße zulaufen. Sie durchschneidet eine hügelige Landschaft, an dessen Rändern sich stillgelegte Bergbauhalden, die dem Süden Leipzigs zuzuordnen sind, ausbreiten. Mehrere Verkehrs- bzw. Werbeschilder säumen die Straße. Neben verschiedenen Piktogrammen weisen sie einzelne Wortsilben auf, die zusammen die Zeile EI-A-PO-PEIA ergeben. Mattheuer zitiert hier aus Heinrich Heines Gedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen“ von 1844.

Dieses komplexe Bildprogramm wird vielfältig gedeutet. Eine Interpretation schreibt dem Vers eine beruhigende Wirkung zu, die sich auf die Auto- und Motorradfahrer überträgt. Sie fahren frohen Mutes und voller Hoffnung der Freiheit entgegen. Dabei ist fraglich, ob die Freiheit tatsächlich erreichbar ist oder sich letztlich als trügerisch erweist. (1)

Der Komposition von „Hinter den sieben Bergen“ (1973) ging ein langjähriger Findungsprozess voraus und auch nach dessen Fertigstellung hat Mattheuer mit einzelnen Motiven weitergearbeitet. (2) Die entstandene Werkreihe umfasst neben dem Leipziger Bild auch die Gemälde „Der Zeitungsleser“ (1969, Stadtmuseum Jena), „Hinter den 7 Bergen (im Autospiegel)“ (1970, Privatsammlung) und „Hinter den 7 x 7 Bergen“ (1993, Privatsammlung). In der Zusammenschau dieser Gemälde lässt sich Mattheuers Motiventwicklung und ebenfalls seine kritische Reflexion des Themas Freiheit, vor und nach der Vereinigung Deutschlands, nachvollziehen.

Jenny Graser

(1) Vgl. Stefanie Michels (Hrsg.): Wolfgang Mattheuer. Bilder als Botschaft. Werkverzeichnis der Gemälde 1950– 2003, Edition Galerie Schwind, Leipzig/Frankfurt am Main 2017, S. 206-207, Nr. G 73/15

(2) Ebenda, S. 206

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Hartfaserplatte

Maße 170 x 130 cm (Bildmaß) 181 x 141 x 5 cm (Rahmenmaß)

Erwerbung 1974 Erwerbung vom Künstler, Leipzig

Inventar-Nr. G 2305