Objektabbildung zoomen

Neo Rauch,  
Der Lehrling, 2015

 

Eine traumhafte Szenerie begegnet den Betrachter*innen von Neo Rauchs großformatigem Gemälde „Der Lehrling“ (2015). Lebensgroße Figuren, in türkisfarbene Anzüge gekleidet und mit pinken Einfassungen an Händen und Füßen geschmückt, stechen aus einer bedrückend dunklen Straßenszene heraus. Mit ihren Besen rühren sie in einer gelb schimmernden, geheimnisvollen Flüssigkeit, die von Männern und Frauen in Eimern herangetragen wird. Dieses Personal unterscheidet sich mit ihrer Alltagskleidung deutlich von den phantastischen Figuren. Der Titel des Gemäldes lässt unwillkürlich an Johann Wolfgang von Goethes „Zauberlehrling“ (1797) denken. Diese Ballade handelt von einem verhexten Besen, der sich kaum mehr bändigen lässt. Und so klingen auch bei der Betrachtung von Rauchs Gemälde die Worte Goethes nach: „Die ich rief, die Geister, / Werd ich nun nicht los“.
Rauch lässt seine „Zauberer“ auf ein bürgerlich gekleidetes Paar treffen. Sie sind über ein Blatt Papier gebeugt und dabei tief in ihre Aufgaben versunken; weitere Schriftstücke stapeln sich auf dem Boden. Das Paar sitzt bzw. steht an einer Straße, die an die engen, mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Gassen von Rauchs Heimatstadt Aschersleben erinnert. Der sonnenbeschienene Himmel verdunkelt sich, so als würde die Nacht plötzlich hereinbrechen. In der Ferne ist ein Flugzeug aufgestiegen – oder stürzt es gerade herab? Verrätselt wirkt das Bild. Darin treffen verschiedene Zeiten und Räume aufeinander, überschneiden sich und sind doch voneinander geschieden. Ruhe und Gespanntheit, Bewegung und Statik, realitätsbezogene und märchenhafte Figuren sind auf der Leinwand vereint. Diese Polaritäten werden von der Farbwahl unterstrichen. Die Farben hat Rauch kontrastierend und sich gegenseitig verstärkend platziert und damit die Wirkung einer verzauberten Szene verstärkt. Das Gelb strahlt aus, dringt in Arme hinein und kriecht sie hoch, es erfasst Häuser und Bäume und bringt sie zum Glühen.

Die Malerei gibt sich bei Rauch immer als Malerei zu erkennen: Farbe ist als Materie wahrnehmbar, der Pinselduktus ist sichtbar. Die Bildfläche öffnet den Raum für die Inszenierung einer übersteigerten Realität. Damit knüpft Rauch an Max Beckmanns Bildbegriff der „Transzendenten Sachlichkeit“ an, denn auch Beckmann versuchte das hinter der realen Erschei¬nung liegende Metaphysische der Realität zu erfassen und entwickelte dafür eine ganz eigene, zeitgenössische Symbolik. Rauch hat ein eigenes, mitunter surreal anmutendes Bildpersonal entwickelt und entwickelt es bis heute weiter. Der Künstler entzieht sich bewusst einer allzu detaillierten Erklärung seiner Bilder und lässt diese für sich stehen, sodass der Blick auf das Möglichkeitsfeld der Malerei gewahrt bleibt. (1)

Die Figurationen des sozialistischen Realismus haben den in Leipzig geborenen und aufgewachsenen Rauch geprägt, wie auch sein Studium bei Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig. Dort wurde 1961 die Klasse für Malerei eingerichtet und damit der Grundstein für die sich etablierende und später als Leipziger Schule bezeichnete Tradition gelegt. In die zweite Generation der Leipziger Schule reihte sich Arno Rink ein, dessen aus Hell-Dunkel-Kontrasten modellierte Körperdarstellungen bei Rauch nachklingen. Wie Rink, so hat auch Rauch als Professor an der HGB die nächste Generation von Künstler*innen geprägt darunter Franziska Holstein, Agnes Lammert und Miriam Vlaming.

Jenny Graser

(1) Neo Rauch im Gespräch mit Holger Broecker, Goethe-Institut, Prag, 10. Mai 2007, https://eigen-art.com/media/nr_gespraechprag.pdf [eingesehen am 06.06.2026]

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 305,5 x 255 x 6,5 cm (Rahmenmaß) 300 x 250 cm (Bildmaß)

Erwerbung Dauerleihgabe der Sammlung Arthouse, Leipzig