Objektabbildung zoomen

Ludolf Backhuysen,  
Schiffe bei aufziehendem Sturm, 1658

 

Ein Kriegsschiff mit gerefften Segeln, von achtern gesehen, fährt in schwerer See, unweit einer Reede, die am rechten Bildrand mit hölzernen Pfählen erscheint. Im Vordergrund schaukelt ein Frachtschiff, das einen Anker ausgeworfen hat, mit eingeholten Segeln in den Wellen, während dahinter ein weiteres Frachtschiff mit einem fast eingeholten Segel noch Fahrt macht, erkennbar an dem geblähten Segel. Während die kleinere Bootsstaffage im Schatten liegt, erstrahlt das Kriegsschiff im hellen Sonnenlicht. Bei genauer Betrachtung kann man geöffnete Kanonenluken und die Besatzung an Bord erkennen.(1) Rechts im Hintergrund liegt eine Fleute, ein größeres Handelsschiff, im fahlen Licht vor Anker. Als das früheste erhaltene datierte(2) Gemälde Backhuysens veranschaulicht das Werk die Ambition des 28-jährigen Malers, sich durch eine Kombination aus traditionellen und innovativen Elementen einen Namen auf dem Feld der Marinemalerei zu machen. Das Kolorit ist auf silbrig graue und blaugraue Farben beschränkt. Es zeigt den Einfluss früherer Marinen von Simon de Vlieger (1600/01–53) und Jan van de Cappelle, lässt sich aber auch mit Bildern Willem van de Veldes d. J. vergleichen.(3) Der Vergleich mit einer 1658 datierten Marine van de Veldes in London zeigt eine ähnliche Einteilung der Wasserfläche in Zonen von Licht und Schatten sowie die Tiefenräumlichkeit suggerierende Fahrt eines Dreimasters auf der Diagonalen.(4) Backhuysen dramatisiert im Unterschied zu Van de Velde die Komposition durch eine kontrastreichere Lichtregie. Das Schema der keilförmigen Helldunkelstreifen hat Backhuysen später oft wiederholt. Die Kumuluswolken sind in Korrespondenz zum Helldunkel des Wassers theatralisch arrangiert. Sie bilden den Fond, vor dem sich die feinzeichnerisch wiedergegebene Takelage abhebt. Hier zeigt sich das kalligrafische Talent des jungen Malers, der bis vor Kurzem noch als Buchhalter und Schönschreiber für den Großkaufmann Bartolotti in Amsterdam tätig gewesen war. Durch den tief angesetzten Betrachterstandpunkt wirkt der dunkle Achtersteven des Kriegsschiffes monumental. Der Künstler scheint bereits in diesem Frühwerk eine effektvolle Heroisierung der holländischen Streitmacht zur See zu beabsichtigen, die sich in der kunstvollen Präsentation eines modernen Kriegsschiffes äußert. Backhuysen hatte ein sicheres Gespür für die patriotische Inszenierung von Schiffen in Bildern. Die Epoche war von mehrjährigen englisch-holländischen Seekriegen (1652–54, 1565–67, 1672–74) geprägt. Im November 1658 kämpfte eine holländische Flotte an der Seite der Dänen gegen die Schweden in der Seeschlacht im Sund erfolgreich um den freien Zugang zur Ostsee. Die Seekriege zogen die permanente bauliche Erneuerung der holländischen Flotten nach sich. Die Darstellung wehrhafter Schiffe auf See reflektiert somit die wirtschaftliche und militärische Bedeutung der Flotte für die holländische Nation.

Jan Nicolaisen

(1) Der hintere Mast des Kriegsschiffes ist, perspektivisch inkorrekt, länger als der vordere wiedergegeben, damit er als markantes Zeichen in den Himmel ragen kann. Backhuysen ordnete die korrekte Schiffszeichnung der Bilddramaturgie unter. Vgl. De Beer 2002, S. 40.
(2) Ehemals befand sich in der Hamburger Kunsthalle das 1658 datierte Gemälde Schiffe auf der Maas vor Dordrecht (HdG 121), vgl. Willis 1911, S. 109.
(3) Vgl. G. de Beer, Backhuysen – ja oder nein? Fehlzuschreibungen an den Seemaler Ludolf van Backhuysen, in: Weltkunst 65, 15.2.1995, Heft 4, S. 366.
(4) London, The National Gallery, Inv.-Nr. NG 2573.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 61,1 x 83,5 (Bildmaß)

Erwerbung 1903 Vermächtnis von Julius Otto Gottschald, Leipzig

Inventar-Nr. G 781