Objektabbildung zoomen

Pieter Pietersz. der Ältere,  
Der Graupenzähler, 1570er Jahre

 

In einer Küche hockt ein älterer Mann auf einem Stuhl und beugt sich über einen Kasten, um die darin enthaltenen Graupen einzeln in den Topf zu zählen. Neben ihm sind eine Spinnhaspel und Garnspule sowie Sticknadeln in einem Körbchen arrangiert. Auf einem Zettel oberhalb des Kamins ist zu lesen: „Sal ick de huisraet te recht bestellen. Soo moet ick t’gort selfs in de pot tellen“. (Wenn ich den Haushalt richtig führen will, muss ich selbst die Graupen in den Topf zählen). Van den Brink (1996) hat das Leipziger Bild Pieter Pietersz. oder seinem Vater Pieter Aertsen (1508– 75) zugeschrieben. Nach der Freilegung der originalen Farbigkeit tritt ein kühles Kolorit in dünnem Farbauftrag zutage, das sich besser mit Werken von Pieter Pietersz. als mit denen seines Vaters vergleichen lässt. Die dendrochronologische Untersuchung ergab eine Entstehungszeit ab 1570, d.h. kurz vor dem Tod von Pieter Aertsen. Vergleicht man das Bild mit Spätwerken von Aertsen, so überwiegen die Unterschiede. Die lockere Malweise und die hellen, blassen Farben kehren auf einem Pieter Pietersz. zugeschriebenen Gemälde eines Figurenpaars in Amsterdam (Rijksmuseum, Inv.- Nr. SK-A-3962) wieder. Eine thematisch verwandte Darstellung war 1995 im Kunsthandel J. de Maere, Brüssel (Foto: RKD).(1) Pieter Pietersz. hat wohl 1567 die früheste erhaltene Fassung des Gortentellers gemalt (Brüssel, Rathaus der Gemeinde St. Gilles, Öl auf Holz, 98×68 cm). Kurz darauf ist vermutlich die Leipziger Fassung entstanden, seitenverkehrt zur ersten Version, größer als diese und mit einigen Änderungen in der Gestalt des Mannes.(2) Auf einem Kupferstich nach dem Gortenteller von Hendrik Bary (1640– 1707) ist Pieter Aertsen als Maler angegeben (Hollstein 9). Möglicherweise gehen alle Fassungen auf eine verschollene Darstellung von Pieter Aertsen zurück. Bild und Text spotten über einen Mann, der als groteske Karikatur eines Geizhalses geschildert wird. Das karge Mahl aus Hering und Brotlaib steht in der Tradition von Darstellungen der Mageren Küche.(3) Die Spinnhaspel und Garnspule neben dem Gortenteller (zu deutsch: Erbsenzähler) sind Attribute weiblicher Hausarbeit, die dem Mann zugeordnet sind, um die Verkehrung der Rollen von Mann und Frau zu veranschaulichen.

Jan Nicolaisen

(1) Junge Pfannkuchenbäckerin und alter Mann mit Spinnhaspel in der Küche (Öl auf Leinwand, 71,5 ×87 cm).
(2) Zwei weitere Fassungen sind verkleinernde Kopien des Leipziger Bildes (Öl auf Leinwand, 86×69 cm, Amsterdam, Historisch Museum, Inv.-Nr. SA 3023; Öl auf Leinwand, 68×49 cm, 1934 Slg. Bracht, Hamburg, Foto: RKD). Vgl. A. Blankert, Amsterdam, Historisch Museum. Schilderijen daterend voor 1800, 1975/79, S. 5f., Nr. 3. A. Bredius hat diese Version bereits 1887 Pieter Pietersz. zugeschrieben. Vgl. A. Bredius, Catalogus van het Rijksmuseum van Schilderijen, Amsterdam 1887, S. 1, Nr. 3. Eine weitere Kopie des Leipziger Bildes tauchte 2009 im Kunsthandel auf (M. Warshaw, New York City).
(3) Die Haltung des Mannes geht auf den 1563 datierten Kupferstich Die magere Küche von Pieter van der Heyden nach Pieter Bruegel d.Ä. zurück.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Holz

Maße 110,6 x 80,7 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1858 Schenkung von Carl Lampe, Leipzig

Inventar-Nr. G 259