Objektabbildung zoomen

Pieter de Hooch,  
Musizierende Gesellschaft im Neuen Amsterdamer Stadthaus, 1660 - 1665

 

Eine musizierende Gesellschaft mit zwei Herren und einer Dame in eleganten Kleidern sitzt an einem Tisch. Einer der Männer spielt Flöte, ein Violincello lehnt zwischen den Beinen des anderen, der sein Rotweinglas erhebt. Die Dame hält ein Liederbuch im Schoß. Hinter der Gruppe umarmt ein Mann eine junge Frau. Ein Kind blickt lächelnd aus dem Bild heraus. Als Kulisse dient eine hohe Halle mit klassizistischer Architektur. In einem Lünettenfeld im Hintergrund ist eine Teilkopie nach Raffaels Schule von Athen im Vatikan (1508–10) zu sehen. Darunter öffnet sich ein Durchblick in einen sonnenbeschienen Korridor. Im Jahr 1661 erschien eine Publikation mit Plänen, Innenansichten und Beschreibungen des neuerbauten Amsterdamer Stadthauses mit 30 Kupferstichen, die De Hooch zu seinen drei Gemälden mit Innenansichten des spektakulären Neubaus angeregt haben könnten.(1) Auf den Kupferstichen sieht man flanierende Besucher ähnlich wie das im rechten Hintergrund dargestellte Paar des Leipziger Bildes. In dem Gedicht von Constantijn Huygens (1596–1687), das in der Publikation von 1661 abgedruckt wurde, ermahnt dieser die Regenten, sich darin gottgefällig und zum Heil der städtischen Wohlfahrt zu erweisen.(2) Möglicherweise bezieht sich De Hooch in seiner Darstellung der Schule von Athen auf diese Mahnung, denn Raffaels Bild wurde aufgrund der Inschrift auf einer Radierung von Giorgio Ghisi (1520/24–82) im 17. Jahrhundert als Predigt des Paulus interpretiert. Ursprünglich schenkte ein schwarzer Diener dem Mann mit erhobenem Glas Wein ein. Diese Figur wurde zwischen 1789 und 1809 übermalt, vielleicht weil der Sklavenhandel im Zuge der Französischen Revolution in Misskredit geraten war.(3) Durch den Diener, den Orientteppich und die Orangen brachte De Hooch die internationale Reichweite der holländischen Wirtschaft zum Ausdruck. Zugleich warnt die Darstellung amouröser junger Männer und Frauen davor, den erreichten Wohlstand durch Müßiggang zu gefährden. Huygens hatte die Regenten 1661 an die Kinder erinnert, deren Wohlstand vor gegenwärtiger Prachtentfaltung nicht vernachlässigt werden sollte.(4) Sutton (1998) datiert das Werk in die ersten Jahre nach der Übersiedlung De Hoochs nach Amsterdam um 1663–65.

Jan Nicolaisen

(1) Jacob van Campen und Jacob Vennekool, Afbeelding van’t Stadt Huys van Amsterdam, Amsterdam 1661. Die weiteren Gemälde de Hoochs, die Besucher im Stadthaus zeigen, sind Ein flanierendes Paar im Stadthaus (Musée des Beaux-Arts de Strasbourg, Inv.-Nr. 213) und Das Beratungszimmer der Bürgermeister im Stadthaus (Madrid, Thyssen-Bornemisza-Stiftung, Inv.-Nr. 1960.3).
(2) „God, die u Macht en Pracht met Reden gaf’te voegen, Godt ghev’u in’t Gebouw met Reden en Genoegen te thoonen wie ghy zijt, en, daar ick’t al in sluyt, Heil zy daar eeuwigh in, en onheil eewigh uyt.“ Zit. nach Amsterdam 1661 (wie Anm. 1).
(3) Während der schwarze Page in den Auktionskatalogen von 1783 und 1789 noch genannt wird, fehlt er in der Beschreibung des Bildes für die Auktion von 1809. Vgl. Sutton 1980, S. 98.
(4) „God soo na by u, zy die kind’ren soo veel nader, das haer welvaert noch een Huys bouw’en bezitt.” Zit. nach Amsterdam 1661 (wie Anm. 1).

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 81,3 x 68,3 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1916 Erwerbung aus der Sammlung Alfred Thieme, Leipzig

Inventar-Nr. G 1031