Objektabbildung zoomen
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Saalzettel zu Jean-Baptiste Carpeaux "Warum verkslavt geboren!"

 

Warum versklavt
geboren!
In der europäischen Malerei und Bildhauerei
des 19. Jahrhunderts ist die Darstellung
Schwarzer Frauen aus Afrika oder der Karibik
relativ selten. Die wenigen, die dargestellt
werden, bleiben in der Regel namenlos.
Auch ihre Identitäten und Biografien bleiben
unbekannt. Das abgebildete Individuum
wird oft auf einen ethnographischen Typus
reduziert und steht stellvertretend für die
Bedingungen und Umstände einer ganzen
Gruppe von Menschen. Dies ist auch bei
Jean-Baptiste Carpeaux’ Skulpturenbüste
Warum versklavt geboren! (1868) der Fall –
einem komplexen und ambiguen Werk, das
angeblich den vermeintlichen Humanismus
und die abolitionistische Haltung des Bildhauers
widerspiegelt. Es handelt sich jedoch
auch um ein Kunstwerk, das für die erotisierte
Ausbeutung des (Schwarzen) weiblichen
Körpers steht.
1868 modelliert und zunächst in Gips gefertigt,
wurde Warum versklavt geboren! später
sowohl in Terrakotta als auch in Bronze und
Marmor gegossen. Wenngleich das Kunstwerk
durch seine ausgeprägte Schönheit und
Sinnlichkeit besticht, bleibt die Grausamkeit
des dargestellten Themas bestehen: die
gewaltsame Versklavung der Schwarzen Frau.
Die Büste, die an ein skulpturales Fragment
erinnert, steht stellvertretend für die Gesamtheit
des versklavten Körpers. Als solche
greift sie auf stereotype und sexualisierte
Darstellungen des (Schwarzen) weiblichen
Körpers zurück und zwingt die Betrachtenden
somit, die ästhetische Erfahrung, die hervorgerufen
wird, mit dem Schrecken und der
Brutalität der Versklavung in Einklang zu
bringen.
Warum versklavt geboren! spielt genau zwei
Jahrzehnte nach der Abschaffung der Sklaverei
in den französischen Kolonien im Jahr
1848 und drei Jahre nach ihrer Beendigung
in den Vereinigten Staaten im Jahr 1865
auf das damals populäre Wiederaufleben von
Sklaverei und Antisklaverei an. Indem das
Kunstwerk zur Erzielung eines dramatischen
Effekts auf eine rassifizierte Darstellung,
die gleichzeitig das Sinnliche und Erotische
hervorhebt, setzt, unterstreicht es die Verbindungslinien
zwischen Frankreichs Imperialpolitik
des Zweiten Kaiserreichs (1852 – 1870),
seiner Sexualpolitik und seiner race politics.
Zum Zeitpunkt der Fertigung setzt Carpeaux
auf die Popularität, die das Thema der Abolition
zu jener Zeit erfährt. Er möchte damit auch
den französischen Nationalstolz ansprechen,
welcher sich die moralische Stärke und das
Mitgefühl nachsagte, die Versklavung bereits
zwei Jahrzehnte vor den Amerikaner*innen
abgeschafft zu haben. Mit der Fertigung der
Büste will der Künstler die Nachfrage nach
Darstellungen dieser Art befriedigen. Ihre
Popularität soll den Erfolg als Verkaufsware
garantieren. Zu jener Zeit befand sich
Carpeaux in finanziellen Schwierigkeiten.
Er begann aus ebenjener Nachfrage nach
ethnographischen Darstellungen Schwarzer
Figuren, welche bereits seit 1848 durch
den französischen Bildhauer Charles-Henri
Cordier an Popularität gewannen, Kapital
zu schlagen.
Der Kopf der Frau, den sie zur Seite wirft, ihr
kläglicher Gesichtsausdruck und ihr wildes
Haar beleben die Büste und tragen aktiv dazu
bei, die Betrachtenden visuell und psychologisch
in einen imaginären Raum und eine
Begegnung einbeziehen. Sie können entweder
die Rolle des Sklavenhalters oder die distanzierter
Zeug*innen der Misshandlungen der
Versklavung einnehmen. Obwohl gegenüber
der dargestellten Szene eine moralische
Position eingenommen werden soll, überlässt
es Carpeaux den Betrachtenden, sich das
Narrativ vorzustellen und es zu vervollständigen.
Carpeaux’ Büste stellt einen gewalttätigen
Akt dar, in dem die erzwungene Versklavung,
der physische Besitz und die Beherrschung
des versklavten, Schwarzen, weiblichen
Körpers betont werden. Während das Werk
vorgibt, Empörung gegen die Sklaverei
auszudrücken, erotisiert es gleichzeitig den
weiblichen Körper in Gefangenschaft. Die
Brust der Schwarzen Frau unterstreicht die
Ambiguität des Werks. Einerseits kann sie als
allegorisches Element interpretiert werden,
das die erhabene Vorstellung von La Liberté
(der Freiheit) als moralisches Ideal und
Streben repräsentiert, andererseits kann sie
dazu beitragen, die Figur auf sexualisierte
Art und Weise darzustellen. Diese Darstellung
Schwarzer Frauen hatte sich zu jener Zeit
durch zahlreiche Reiseberichte, populäre
Belletristik und orientalistische Bildsprache
weit verbreitet und diente der Funktion,
die Vorstellung der hypersexuellen Schwarzen
Frau und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit
ihrer Unterwerfung aufrechtzuerhalten.
Mit Warum versklavt geboren! werden zwei
gegensätzliche Ziele zur selben Zeit erreicht:
Die Skulptur bringt eine humanitäre Sprache
des Protests gegen die Ungerechtigkeit
der Sklaverei zum Ausdruck und ruft bei den
Betrachtenden ein Gefühl der Empörung
hervor, während sie gleichzeitig einen erotischen
Blick auf die Schwarze weibliche Figur
anregt und damit erotische Fantasien über
Sklavenbesitz als Teil vergangener und gegenwärtiger
kolonialer und imperialer Imaginationen
anspricht. In der Tat spürt man beim
Betrachten der Skulptur, dass der Künstler
kreative Freude daran hatte, das sinnliche
Zusammenspiel der Oberflächenstrukturen
von Haut, Seil, Stoff und Haar zu erforschen,
während er gleichzeitig durch den Akt der
Bildhauerei körperliche Kontrolle über die
Schwarze Frau ausübte. Und doch – die Büste
gilt als Ikone des entschlossenen Widerstands
und Kampfes gegen die Versklavung. Die
Skulptur erzeugt Anspannungen und stellt
Betrachtende vor die Frage, wie sie das
Werk rezipieren sollen. Vielleicht entsteht
ein Gefühl der Mitschuld daran, Zeug*in der
körperlichen und emotionalen Ausbeutung
Schwarzer Körper zu werden. Obwohl diese
Ambiguität beunruhigend ist, macht sie den
größten Reiz und die größte Kraft der Skulptur
als Kunstwerk aus.
Text: Professor James Smalls, Ph. D., Fakultät für
Visuelle Künste, University of Maryland, Baltimore County;
Übersetzung: Quynh Anh Le ngoc

Carpeaux’s Why Born Enslaved!: Sculpted Icon of Beauty and Ambiguity

In nineteenth-century European painting and sculpture, the depiction of Black women from either Africa or the Caribbean, is relatively rare. Those few who are represented typically go unnamed, their identities and biographies left unknown. The individual represented is often reduced to an ethnographic type, serving as a generic stand-in for the conditions and circumstances of an entire group of people. Such is the case with Jean-Baptiste Carpeaux’s sculptural bust, Why Born Enslaved! (1868), a complex and ambiguous work purportedly reflective of the sculptor’s assumed humanitarianism and anti-slavery sentiment. However, it is also a piece of art representative of the eroticized exploitation of the (Black) female body.
Modeled in 1868 and first produced in plaster, Why Born Enslaved! was subsequently cast in terracotta, bronze, and marble versions. The beauty and sensuality of the sculpture are pronounced, yet the subject rendered and what is enacted—that of violent enslavement of a Black woman—is horrific. Reminiscent of a sculpted fragment, the bust is a stand-in for the complete enslaved body. As such, it draws upon stereotypes of sexualizing the (Black) female body, forcing the viewer to reconcile the aesthetic pleasure elicited by the piece with the horror and brutality of slavery.
Why Born Enslaved! plays into the then-popular resurgence of bondage and antislavery precisely two decades after the abolition of slavery in the French colonies in 1848, and three years following its termination in the United States in 1865. The work solidifies the link between French imperial, racial, and sexual politics during the Second Empire (1852-1870) as it accentuates the racial, the sensual, and the erotic for dramatic effect. When the artist created the piece, he bet on abolition as a popular theme, calling attention to French national pride in having had the moral strength and compassion to abolish slavery two decades prior to the Americans. The creation and popularity of the bust was also born out of the artist’s desire to meet a consumer demand for such scenes and guarantee its success as a sellable commodity. At the time the sculpture was conceived, Carpeaux was experiencing financial difficulty and began capitalizing on the desire for ethnographic renditions of Black figures that, since 1848, had been popularized by the French sculptor, Charles-Henri Cordier.
The captive woman’s tossed head, piteous facial expression, and wild hair animate the bust and play an active role in visually and psychologically engaging the viewer in an imagined space and encounter. The onlooker is invited to assume a role as either slaveowner or detached witness to the abuses of slavery. Although the viewer is encouraged to take a moral position vis-à-vis what is depicted, Carpeaux has left it up to the spectator to imagine and complete the narrative.
Carpeaux’s bust depicts a violent act in which the forced enslavement, physical possession, and containment of the black female slave body are emphasized. While the work purports to express outrage against slavery, it also eroticizes the captive female body. The Black woman’s exposed breast underscores the work’s ambiguity in that it could, on the one hand, be understood as an allegorical element employed to reference the lofty notion of la liberté (liberty) as a moral ideal and aspiration, or, on the other hand, serve to render the figure as sexualized, a perspective on Black women which had been popularized during the period in travelogues, works of popular fiction, and in Orientalist visual imagery designed to cater to a widespread belief in Black female hypersexuality and the need to subdue it.
Why Born Enslaved! accomplishes two opposing goals simultaneously: it advances a humanitarian language of protest against human bondage as unjust, provoking a sense of outrage from its viewers, while also stimulating an erotic look upon the Black female figure, thus stimulating erotic fantasies of slave ownership as part of past and present colonial and imperial imaginaries. Indeed, one senses with the sculpture that the artist has taken a lot of creative joy in exploring a sensuous play and interplay of the surface textures among flesh, rope, cloth, and hair, while exercising physical command, through the act of sculpting, over the Black woman. And yet, his figure is simultaneously rendered as an icon of defiant resistance and struggle against enslavement. The sculpture sets up tensions and poses a challenge to the viewer as to how to receive the work, perhaps even leaving the onlooker feeling somewhat complicit in taking pleasure in witnessing Black subjection to physical and emotional exploitation. Although troubling, this ambiguity is, in fact, the sculpture’s greatest attraction and power as a work of art.
James Smalls, Ph. D., Professor and Chair, Department
of Visual Arts University of Maryland, Baltimore County, USA