Objektabbildung zoomen

Aert van der Neer,  
Mondscheinlandschaft mit einem breiten Gewässer, um 1655

 

Über einem breiten Fluss mit ländlicher Bebauung an beiden Ufern geht der Mond an einem bewölkten Nachthimmel auf. Nur ein kleines, dreieckiges Himmelsstück über dem Horizont ist wolkenfrei und von hellem Mondschein erfüllt. Im Vordergrund sind drei Menschen unter einem Baum versammelt, die die Weite der Flusslandschaft erfahrbar machen. Die stark fluchtenden Uferlinien sorgen für eine soghafte Wirkung des Tiefenraums.(1) Im Hintergrund erkennt man links eine Kirche, die an die St. Bavokerk in Haarlem erinnert. Aert van der Neer schildert meisterhaft die Ausbreitung und Reflexion des Mondlichtes: Am Himmel, auf dem glatten Wasserspiegel und dem Ufersaum, auf Häusern, Bäumen und Gräsern sowie auf den Menschen am Ufer erblickt man dessen Widerschein. Durch den Kontrast zum dunkelblauen Nachthimmel strahlt das Mondlicht umso heller. Charakteristisch ist die lebhafte, originelle Maltechnik des Künstlers: Er legt an einigen Partien die rotbraune Untermalung oder weiße Grundierung frei, indem er die nasse Farbe verwischt oder mit dem Pinselstil Grashalme hineinkratzt, wodurch das Licht von unten hervorzuleuchten scheint und nicht aufgesetzt wirkt. Hierdurch gelingt es ihm, die Vorstellung einer lichterfüllten Landschaft hervorzurufen. Die früheste datierte Flusslandschaft im Abendlicht Aert van der Neers stammt nach Schulz (2002) von 1643 (Gotha, Schloss Friedenstein). Das Werk gehört stilistisch zu einer Gruppe von Bildern, die von Schulz zwischen 1650 und 1660 datiert worden sind.(2) Im Vergleich mit der eine Generation früher entstandenen Mondscheinlandschaft Joos de Mompers d. J. (Kat.-Nr. 215) lässt sich der Wandel der Konzeption verfolgen. Während Joos de Momper d. J. um 1620 noch eine fantastische Gebirgslandschaft darstellt, erhebt Aert van der Neer den Anspruch, eine typische holländische Flusslandschaft mit dörflicher Bebauung zu zeigen. Während der Kontrast von Hell und Dunkel bei Momper einer allegorischen Bilderzählung dient, ist die realistische Wiedergabe der stimmungsvollen nächtlichen Stunde das Ziel Aert van der Neers. Dennoch dürften die Nachtlandschaften der flämischen Malerei und die Nachtbilder Adam Elsheimers Aert van der Neer als Anregung gedient haben. Das Interesse für die Wiedergabe der Landschaft im Licht unterschiedlicher Tageszeiten war auch in der Haarlemer Landschaftsmalerei der 1640er Jahre ausgeprägt (vgl. Jacob van Ruisdael, Landschaft bei Morgenstimmung, Kat.-Nr. 288, Verlinkung?). Die Stimmungslandschaft wurde außerdem durch die italianisante Malerei populär, in der das Element der Lichtregie durch eine tiefstehende Lichtquelle im Hintergrund gebräuchlich war.

Jan Nicolaisen

(1) Der Fluchtpunkt befindet sich, etwas aus der Bildmitte nach rechts versetzt, unterhalb des Mondes.
(2) Aschaffenburg, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Staatsgalerie im Schloss Johannisburg, Inv.-Nr. 6381; Stockholm, Nationalmuseum, Inv.-Nr. NM 2351; Den Haag, Mauritshuis, Inv.-Nr. 913. Vor allem das Bild in Den Haag zeigt Ähnlichkeiten in Bildaufbau und Lichtregie. Hinzuzufügen ist zu dieser Gruppe eine motivlich verwandte Mondscheinlandschaft in New York (The Metropolitan Museum, Schulz 2002, Nr. 445).

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Eichenholz

Maße 40 x 42 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1570