Adriaen van de Velde,  
Hirtenszene, 1667

 

In einer südlichen Landschaft ist eine Herde mit Kühen, Schafen und Ziegen an einem kleinen Bachlauf bei einem antiken Sarkophag dargestellt, auf dem ein Hirte in entspannter Haltung liegt. Er ist im Gespräch mit einer jungen Mutter, die neben dem Sarkophag auf dem Boden sitzt und ihr Baby stillt. Die Darstellung wird von Bäumen hinterfangen, im Hintergrund erhebt sich ein Gebirgszug. Die Beleuchtung taucht die Szene in ein warmes Licht und betont die Brillanz der Farben, allen voran das Blau im Rock der jungen Frau oder das Weiß und Rotbraun im Fell der liegenden Kuh. Das Fell der Tiere ist mit feinmalerischer Sorgfalt wiedergegeben. Das Sonnenlicht, die lächelnden Mienen der beiden Figuren und das Motiv des Stillens evozieren eine friedliche, arkadische Stimmung. Die hohe künstlerische Qualität des Bildes ist stets hervorgehoben worden. Zoege von Manteuffel (1927) pries die Malerei als „Hirtengedicht, eine, trotz allem Realismus im einzelnen, poetische Schilderung des sorglosen, naturhaften Lebens“. Die Herausstellung der Figuren in einer einfachen, abgeschlossenen Komposition ist nach Frensemeier das Merkmal der späten 1660er Jahre im Werk Adriaen van de Veldes.(1) Das Leipziger Bild bezeichnet sie als das „herausragendste Beispiel“ einer Gruppe von Hirtenbildern mit antiker Staffage.(2) Van de Velde greift hier auf Vorbilder Nicolaes Berchems zurück, der pastorale Hirtendarstellungen mit antiker Staffage und Viehherden in Gemälden und Radierungen schuf. So erscheint der Hirte in verwandter Haltung mit baumelnden Beinen bereits auf dem Titelblatt seiner Radierfolge Animalia ad vivum delineata [...] (um 1650, Hollstein 49). Das lächelnde Gesicht des Hirten findet sich ähnlich auf einer weiteren Radierung (Die Furt, Bartsch 12). Auf zahlreichen Radierungen hat Berchem auch Schafe, Ziegen und Kühe in ähnlichen Posen dargestellt. Auf dem Relief am Sarkophag des Leipziger Bildes ist eine antike Grablegungsszene mit einer trauernden Frau und einem Verstorbenen zu erkennen. Damit erinnert van de Velde angesichts der arkadischen Stimmung an den Tod und die Vergänglichkeit, Gedanken, die das sorglose Glück der Hirten nicht zu trüben scheinen.

Jan Nicolaisen

(1) Vgl. Frensemeier 2001, S. 73.
(2) Vgl. Frensemeier 2001, S. 73f. Zu dieser Gruppe gehört das ein Jahr später entstandene Bild Hirte und Hirtin mit ihrer Herde am Brunnen (Frankfurt a.M., Städel Museum, Inv.-Nr. 165), vgl. M. Neumeister in Kat. Frankfurt a.M. 2010, S. 444–451.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 33,2 x 43,3 (Bildmaß)

Erwerbung 1903 Vermächtnis von Julius Otto Gottschald, Leipzig

Inventar-Nr. G 818