Objektabbildung zoomen

Rachel Ruysch,  
Stillleben mit Blumen und Früchten, 1707

 

Ein prächtiger Blumenstrauß mit Früchten auf einer Marmorkonsole bietet dem Auge eine Vielzahl verschiedenartiger Pflanzenspezies, Farben, Formen und Bewegungen. Durch die Dichte der Pflanzen in der Bildmitte ist von der Blumenvase kaum etwas zu sehen. Die Stengel der Pflanzen schießen wie in einer Explosion nach oben und zu den Seiten, um die Vitalkraft natürlichen Wachstums zu veranschaulichen. Die weißen, rosa, roten und blauen Blüten leuchten intensiv vor dem dunklen Grund, ein Effekt, den Ruysch von der älteren Stilllebenmalerei übernahm. Mehr als ihre Vorgänger integriert die Künstlerin grüne Blätter neben Blüten als Elemente des Blumenstilllebens. Darüber hinaus geht sie den Blattformen dezidiert nach und gibt die Verwölbungen, Blattränder, Verfärbungen oder Fraßspuren in grellem Licht wieder. Eine Raupe klettert über ein Blatt, das ihre Fraßspuren zeigt, neben löchrigen Haselnüssen krümmt sich eine Made, winzige Ameisen laufen über die bereits braunfleckige Haut von Pfirsichen und Aprikosen. Rachel Ruysch knüpft an die Farbenpracht und Eleganz der Blumen- und Früchtestillleben Jan Davidsz. de Heems, Abraham Mignons und ihres Lehrers Willem van Aelsts an. Dem Leipziger Bild nahe stehen Blumenstillleben der Ruysch in Detroit und Brüssel (beide 1704 datiert).(1) Gegenüber ihren Vorgängern steigerte Ruysch sowohl den Grad an naturalistischer Vergegenwärtigung als auch die künstlerische Raffinesse der Wiedergabe. Ihr mikroskopischer Blick war durch die botanischen und anatomischen Forschungen ihres Vaters Frederik Ruysch (1638–1731) beeinflusst, der als erster Direktor dem 1682 gegründeten Botanischen Garten in Amsterdam vorstand.(2) Er publizierte 1692 und 1697 den ersten Katalog seltener Pflanzen des Amsterdamer Botanischen Gartens. F. Ruysch übertrug die Gefäßlehre von tierischen Lebewesen auf das Pflanzenreich. Bei Rachel Ruysch scheinen die Blätter in verschiedenen Stadien der Metamorphose von Intaktheit, Frische und Verfall nicht in erster Linie als Vanitassymbole gemeint zu sein. Sie demonstrieren vielmehr die immanente Lebenskraft der Pflanzen, die durch Parasiten und Krankheiten beschädigt werden kann. Typisch für Rachel Ruysch ist auch das Motiv von zwei Libellen, deren kleiner Flugapparat präzise wiedergegeben ist. Durch ihren Bewegungsausdruck wird ein zeitlicher Aspekt beigesteuert. Die Aufmerksamkeit, die die Künstlerin kleinen und winzigen Lebewesen im Kosmos des Blumenstraußes widmet, bringt die im 18. Jahrhundert noch lebendige, wenngleich zunehmend rhetorische Vorstellung einer göttlichen Harmonie von Makro- und Mikrokosmos zum Ausdruck. Diese traditionelle Auffassung wurde noch in der Vorrede einer 1710 erschienenen Publikation ihres Vaters bemüht, um die naturwissenschaftlichen Untersuchungen und Beschreibungen der Tiere zu legitimieren, wo es heisst: „Gods wond’ren blinken meest op’t grootste in’t allerkleenste“ (Gottes Wunder leuchten meist vom Größten zum Kleinsten“).(3)

Jan Nicolaisen

(1) Detroit Institute of Arts, Inv.-Nr. 1995.67; Brüssel, Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Inv.-Nr. 2751.

(2) Vgl. Berardi 1998, S. 110–134.

(3) Vorrede zum „Thesaurus animalium“ des Frederik Ruysch, lateinisch mit Übersetzung ins Niederländische als „Cabinet der dieren“, erster Teil, Amsterdam 1710, o. S.

Systematik Gemälde

Material/Technik Öl auf Leinwand

Maße 99,5 x 78,8 cm (Bildmaß)

Erwerbung 1996 Dauerleihgabe der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung, Leipzig

Inventar-Nr. G 1563